veröffentlicht in einer leicht geänderten Form als: „An der Rosenhecke in Rosenwinkel. Wie in Brandenburg deutsch-deutsche Denkmuster aufeinandertreffen", Berliner Zeitung, Feuilleton, 9.12.1999, S. 16

An der Rosenhecke in Rosenwinkel

oder

Ohne Prinzen in der Prignitz

"Halt!" schreit jemand und grelles Licht blendet uns. "Aussteigen! Papiere zeigen!". Wir lachen. Ich etwas quer, mein Begleiter, ein Wessi, ironisch. Meine (unsere) Tochter erstarrt in Furcht. Sie will nicht aussteigen. "Kommt, Liebes, sage ich, es ist die Grenze. Wir müssen erst durch die Kontrolle." "Nein, Mama, nein. Es ist nur Rosenwinkel, wo Luisa wohnt, keine Grenze." Das vierjährige Mädchen weint. "Aber es ist nur ein Spiel, Liebes, das habe ich Dir schon erzählt." "Das ist kein Spiel! Es ist böse!", sie rührt sich nicht von der Mitte des Autos. Ich muss die Frau am Grenzübergang bitten, Rücksicht auf das Kind zu nehmen, aber nur der lächelnde Papa der Kindergartenfreundin in der Ferne kann das Vertrauen des Kindes etwas zurückholen. Es sind keine Schauspieler, alles ist allerdings auch nicht echt. Der Wende sei Dank. Das ist nur ein Fest, der Jahrestag vom Ende der DDR wird gefeiert.

Mein Kind, das nie existiert hätte, gäbe es noch die Mauer - wo hätte ich sein Vater kennen lernen können - hat Angst. Wir gehen durch die Eingangshalle, einen Zelt, in die DDR, so wie sie die Prignitzer nicht vergessen können und wieder dargestellt haben. Wir müssen Geld tauschen und wie damals wird viel davon sofort kassiert, das andere kann man eigentlich kaum ausgeben. Meine Journalistenkarte und dazu ausländischer Pass stoßen sofort auf Misstrauen. Aber am Ende sind wir doch durchgelassen. Schließlich haben wir eine Einladung und zahlen genug Geld. In dem Bauernhof mit dem angebauten Zeltlager lachen alle, die Gastgeber und ihre Freunde, die eingeladene westberliner Kabarettisten, die Kinder in ihrem Indianerzelt. Kein bisschen von der Horror der Vergangenheit ist da. Meine Tochter beruhigt sich, muss aber weiterhin ihre Fragen über die Mauer und über das ehemals geteilte stellen. "Und warum waren diese Menschen böse? Warum könntest Du nicht zu Papa?" 

In meinem Kopf ist der Horror noch nicht weg. Ich habe diesen Ort gelebt. Mir wird es eklig. Die Symbole der DDR um herum drehen meinen Magen um. Sie erinnern an Bulgarien meiner Kindheit. Das alles war früher im Echt. ... Die Bilder vermischen sich. Wo bin ich?

Im Osten des vereinigten Deutschlands, eine Stunde Autofahrt von der Hauptstadt entfernt, Wunderschöne Landschaft, in der Rehen und Hasen, Milane und Nachtigale noch die Einheimischen sind, und wo gerade jetzt die wilden Gänse ihre Zwischenstation Richtung Süden machen. Die Dörfer und Städtchen haben gerade ihr Schmuck getauscht: gelbe Kürbislaternen und Adventskerzen an Stellen der Plakate der Rechten, sowie der Linken für die Wahlen. In beiden Fälle meine ich die extremen. Die Parteien, die eigentlich das Leben dieses Landes prägen und weiterführen, haben sich nicht so sehr hierher geirrt. Ich habe keinen einzigen Neo-Nazi gesehen und keine überzeugten Kommunisten erlebt. Wer wählt diese Wege hier ist mir ein Rätsel.

Die Menschen, die man alltäglich trifft sind bodenständig, lieb und ehrlich, wie eben oft Menschen auf dem Lande sind. Alles Fremde ist denen unheimlich, beängstigend und verwirrend, bedeutet aber nicht zwangsläufig Aggression. Man hat der Eindruck, dass die Hälfte der Familien mindestens einen Arbeitslosen hat, wobei es wird nicht der Eindruck erweckt, da wurden dafür Schuldige gesucht. "Du hast keine richtige Mama, keine deutsche!" hat ein der Hortkinder meine Tochter verunsichert, nachdem ich mit ihr in dem Kindergarten bulgarisch gesprochen habe. Ich wurde im kalten Schweiß gebadet, als sie für die Erklärung zu ihrem Vater ging. Nachdem ich die Eltern des Kindes, sowie die Erziehrinnen des Kindergartens näher kennen gelernt habe, wusste ich noch weniger, warum dieses Kind so etwas fragt. Etwas muss in der Schule passieren, wo es sich oft abgelehnt und missverstanden, sowie unterfördert fühlt, eben selber fremd, wie es das manchmal andeutet. Ich erinnere mich an meine Schule, wo man schuldig war, dass man sich selber sein wollte. Die Familie ist keineswegs die Quelle dieses Mistrauens gegenüber Fremden. Der Vater, ein Arbeiter in der näheren Stadt, ist offen und herzlich, die Mutter und die kleinere Schwester habe ich sehr lieb gewonnen. Woher kommen die Mythen des Hasses? Ich hätte mir gerne die Schule angesehen, mit der Hoffnung eine Antwort zu finden. Und wenn sie nicht in der Schule zu finden ist?

Keiner um herum ist bewusst gegen Ausländer. Aber was bedeutet BEWUSST? "Solche hat man früher vergast!" spricht eine der Erziehrinnen zu der anderen über einen sorglosen Vater in der Eingangshalle, wo sich die abgeholten Kinder anziehen. "Ah, du stinkst wie ein Kümmel-Türke!" lächelt eine andere beim Umziehen eines Kindes. Ist die Sprache kein Ausdruck des Bewussten? "Ja, die Sprache müssen sie lernen! Das geht sonst nicht! Solche Russen, die schlecht deutsch sprechen will ich nicht!", so abgelehnt lassen sich die Aussiedler deutscher Abstammung aus der ehemaligen UdSSR bei den Firmen in der Region schlecht vermitteln. Schließlich haben sie bei dem wenigen Deutsch, dass sie aus ihrer Eltern gehört haben einen deutlich schwäbischen Akzent. Die billigen Schwarzarbeiter (nur Besucher, Entschuldigung!) dagegen sind sehr erwünscht gerade wenn sie Russisch sprechen und sehr billig sind.

Gebe ich diesen Sachen zu viel Bedeutung? Geben wir alle diesen Sachen zu viel Bedeutung, übersensibilisiert von der deutschen Geschichte? Bin ich von dem buntgemischten Berlin verwöhnt? Bin ich gegenüber der Sprache zu empfindlich, weil ich mich an die kommunistischen Wortvergewaltigungen sehr gut erinnere? Ist Menschen vergasen ein alltägliches Idiom und mein Deutsch so schlecht? Es ist nicht nur die Sprache, aber die Sprache ist es auch. Ich habe mich in Bulgarien auch nicht mit der Nazi-Zeit auseinandergesetzt. Da waren nämlich die bösen Nazis, die nur Kapitalisten und ihre Diener waren und das deutsche Proletariat, das Volk, hat mit dieser Geschichte nichts zu tun. Es waren die Nazis, nicht die Deutschen, die Juden und vor allem Kommunisten vergast haben.

"Wer wählt denn hier die rechten? Mit mir waren solange alle nett!", habe ich meine Bekanten hier nach den Wahlen naiv gefragt. "Ah, Du kannst doch keine Probleme haben. Es sind die Türken und die Roma, die man nicht mag". Es wird mir schlecht - ich hätte die schwarze Farbe von Augen und Haare meines Großvaters erben können, statt grün und hellbraun von der Großmutter. "Hörst Du Dich denn, frage ich eine Nachbarin, warum stören Dich die dunkelhäutigen Menschen?" "Mich nicht, erwidert sie, Du wolltest wissen, wer was in der Prignitz wählt. Hier gibt es Projekte mit angeblichen Deutschen aus Rumänien, sowie Russen und Kasachstaner, die hierher gehören sollen, weil sie einen deutschen Schäferhund hatten, weiß Du". Ich weiß es eben nicht. Ich bin hier aus der Vergangenheit (anders kann ich die Ereignisse auf dem Balkan in den letzten Kriegen nach der Wende nicht nennen) gelandet und ich beneide die Vereinigung, auch die Büchermärkte. Von Ostsee bis Österreich gibt es sicher mehr Unterschiede in der Sprache als von Schwarzen Meer bis Slowenien. Wir teilen uns auf den Balkan, hier verschwinden Grenzen. "Warum genießt Du nicht die Privileg, im 21ten Jahrhundert zu leben?", frage ich meine Gesprächspartnerin, ohne eine Antwort zu erwarten.

Wahrscheinlich kann sie es nicht. Sie kommt auch aus der Vergangenheit. Wie soll man auf einmal gegenwärtig sein? Woher die Wille dazu? Lethargie oder Depression, weil das Leben auf einmal zu viel verlangt. Lieber Arbeitslosengeld bekommen als für andere arbeiten. (Probieren Sie eine Putzkraft oder Feldarbeiter, nicht über Bauarbeiter zu reden, in der Prignitz zu finden! Dann müssen Sie sicher nach Irland oder nach Polen schauen.) Es ist nicht Faulheit, es ist der Stolz der Arbeiterklasse, gut gelernte Lektion aus der DDR Zeit. "Ich bin kein Bettler, der jeden Tag Firmen anruft, um Arbeit zu bitten. Schließlich bitte   i c h  meine Arbeit an, verstehst Du", sagt ein Bekannter geärgert von der Psychologin des Arbeitsamtes. Die gleichjährige Tochter meiner ehemaligen Nachbarin in Berlin-Charlottenburg berichtet stolz am Telefon, eine Stelle bekommen zu haben, nachdem sie hundertsechzig Bewerbungen geschrieben hatte. Das Leben wird hier anders gedacht, und anderes gelebt. Eine Magie verschleiert hier alles. Und da es im Gegenteil zu Bulgarien zum Beispiel, doch genug Geld und auch genug Sündenböcke gibt, ist kein Erwachen in Sicht. "Dornröschen wache wieder auf, wieder auf, wieder auf ... " - war das nicht ein Ruf am Ende eines sehr deutschen Märchens?

Es ist das große Warten, dass etwas aus Außerhalb gescheht und das Leben verändert. Dann ist es natürlich nicht nett, wenn Ausländer die Jobs der stolzen Deutschen nehmen. Besonders, wenn sie nicht einen ariaähnlichen Aussehen haben. Das nervt. Die Junker, diese aus Westdeutschland wiedergekommene Reiche, die nerven auch. Ein Paar Gallawey-Rinder auf ihren Feldern könnte man ab und zu vergiften, um Frustrationen abzubauen. Schließlich ist es wichtig, gleich zu sein; das ist eine tiefe Überzeugung des posttotalitären Menschen. Die richtige Ausländer sind eigentlich hier die Deutschen selber: die aus dem Osten wissen gar nicht in welcher Realität sie leben, die westdeutschen auch. Diese Zeitvermischung auf gleichen Ort beweist beinah so eben manche physikalische Gesetze. 

Wenn die westdeutschen ihre ostdeutschen Geschwister verstehen lernen, werden sie auch die ganze (nichtwestliche) Welt verstehen können. Die Wut gegen das Nachholen. Die Angst, Verantwortung zu übernehmen.

Schon in der ersten Woche bin ich hier zu Gast in einem Haus. In Berlin-West hat das einige Jahre gedauert. Es ist ein Geburtstag und ich bin warm (sowohl mit Worten, als auch mit Pullover der Gastgeberin in der Abendkälte) aufgenommen. Ich kann sofort lachen; keiner erwartet, dass ich irgendwie besonders bin. Ich bin hier eindeutig nicht fremd. Leute kennen mein Land aus dem Urlaub, einige haben Freunde dort. Bücherschreiben ist auch etwas wunderbares, ob es Geld bringt (und wie viel) ist hier doch noch nicht wirklich wichtig geworden. Ich kann hier dazugehören, zu den Berlinern, die hierher gezogen sind, Berlin-Ost natürlich, aber wie könnte ich - eine Bulgarin - aus Berlin-West sein. Ich empfinde wie alle andere aus dem Osten. Ich habe auch Visotzki und Okudjawa gehört und nichts von Woodstock. Mein westdeutscher Mann hat eigentlich hier viel weniger verloren. Der hat kein Visotzki gehört. Und seine berühmte Ausländerfreundlichkeit ist sowieso nicht gegenüber Osteuropäer  entwickelt. Multi-Kulti des Westens hat uns nicht so gern, die Ossis Europas. Die Ausländerfreundlichkeit der deutschen Ossis ist für mich überwältigend. (Wird sie bei den Deutschen, egal West oder Ost, aus der Erinnerungen ans Meer und Urlaub hervorgerufen?) So bin ich hier zu Hause bevor ich eingezogen bin.

Nun, gehöre ich aber hierher nicht. Mindestens nicht zu diesem Geburtstaggesellschaft. Es gibt etwas in der Luft, das diese Gruppe von Menschen wie mit einem Schleier verbindet. (Der Zauberstab der guten Fee?) Es ist tatsächlich eine Gruppe. Etwas Geheimnisvolles stellt feine Verbindungen zwischen den Menschen. Es ist ein Bündnis, eine Art Verein, dessen Gesetze unbewusst und furchtbar streng sind. Jeder für alle, alle für jeden. Ungezwungene Herzlichkeit, die von einem verlangt dazu zu gehören. Das ist genau Osten.

Natürlich gibt es das gleiche auch im Westen. Sowieso haben sich Menschen in Deutschland nie davon erhöhlt Vereins-, Verbands-, Gemeindewesen zu sein. Emanzipation der Menschen versucht man hierzulande nicht so lange. Allerdings in der Prignitz, ist mir auf einmal bewusst, dass die auf Partys im Westen allein stehenden Menschen (tatsächlich am häufigsten mitten im Zimmer mit einem Glas stehend), die oft hochnäsig und spinnend ausstrahlen, eine Schare Individualisten bilden. Sie akzeptieren mich, die Osteuropäerin, eigentlich genau so wenig wie einen von sich selber. So bleibe ich fremd nicht weniger und auch nicht mehr als sie sind. Dabei hat das Klima in dieser Schare viel mehr mit der Demokratie zu tun, als die Gruppe im Osten. Hier wird man nicht rausgeworfen, wenn man anders als die Gruppe denkt. Jeder hier versucht anders zu denken. Die schöne Mode, alles ginge, wäre erlaubt und möglich. Verständigung wäre sowieso Unsinn, wo alles so kontextuell ist. Man braucht als post-totalitärer Mensch (für den Zugehörigkeit und Kommunikation wesentlich sind) viel Zeit, um zu begreifen, dass man doch zugehört. 

Wenn die Ostdeutschen ihre westlichen Geschwister verstehen lernen, werden sie die ganze (westliche) Welt verstehen können. Die Wut, immer gewinnen zu müssen. Der Zwang, Verantwortung zu übernehmen. Die Mode alles relativieren zu müssen.

Die riesigen Unterschiede in der Kultur der beiden Teile auch nach den vielen Jahren Vereinigung finde ich sehr schön, so hart sie auch sein mögen für die Menschen in Deutschland. Als erstes, ist es nicht wunderbar zu sehen, dass es Die Deutschen nicht gibt, nur die viele Menschen, und ihre Erfahrungen. Als zweites kommt ein großer Profit für alle Ausländer (die jenige davon die tatsächlich außerhalb des Landes Deutschland leben, meine ich, mich zähle ich eindeutig zu den Insidern dieser Geschichte hier): ein Zusammenprall zwischen Weltsichten. Die Ossis Europas müssen mit der westlichen Sicht mitmachen, weil sie sonst nicht überleben. Die Ossis Deutschlands haben diesen Zwang nicht. Sie können auf ihre Sicht bestehen. Sie können sagen - verdammt noch mal mit euren postmodernen Kram, mit eurer Unwille zu kommunizieren, mit euren Schleier und euren Magien. "Dornröschen wache wieder auf, wieder auf ...", könnten sie singen. Das Aufwachen war in Deutschland und in Europa mit der Wende vorprogrammiert. Die Rosenhecke in Rosenwinkel ist nicht mehr so "riesengroß, riesengroß". Es ist tatsächlich hier keine Grenze, nur eine Erinnerung an Grenze. Nur mit dem Wechselspiel bei der Rolle des Prinzen hat man sich noch nicht gewöhnt. Und dass es auch ohne Prinzenfigur ginge.

Tzveta Sofronieva

 

lebt nach Aufenthalten an mehreren Orten der Welt als freie Autorin überwiegend in Berlin und schreibt auf Deutsch, Bulgarisch und Englisch Gedichte, Prosa und TheatertexteLiteraturinstallationen, Essays und wissenschaftliche Artikel, veröffentlicht in mehreren Sprachen, übersetzt Poesie, initiiert und entwickelt interkulturelle Netzwerke und Herausgaben.

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