Berlin-Sofia-Berlin wurde zusammen mit einer regen Teilname an den Unterhaltungen deutscher Eingewanderter  in der Anthologie Feuer, Lebenslust! Stuttgart: Klett-Cotta,  2003 veröffentlicht. Einiges in der Erzählung basierte auf dem Essay Alphabetisch gesehen.

Berlin-Sofia-Berlin

ALPHABETISCH GESEHEN

Berlin war mal die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin gleich GeDeRe, wie wir auf bulgarisch, russisch, polnisch, tschechisch u.s.w. dieses Ding genannt hatten. Berlin war Osten, und wenn man den Westen Berlins meinte, war das nicht mehr Berlin, sondern Westberlin. Zapaden Berlin, wie das schön in meiner Sprache klang, befand sich in der Reihe der Städte auf einem ganz anderen Platz als Berlin, natürlich rein alphabetisch geordnet; und es war undenkbar, dass eine Stadt, die Berlin, angefangen mit "B" hieß, eine Bezeichnung für etwas Westliches wäre, gar Demokratisches.

Berlin war mein Leben lang mehr Osten als Moskau. Moskau war Russland, etwas sowieso total Merkwürdiges, um Ostblock zu sein, Bukarest war eher China, Serbien und Polen waren ein hin und her hüpfendes Wesen, Prag und Budapest blieben mitteleuropäisch. Die einzige Konkurrenz Berlins im Ostsein war in unseren Augen nur Kuba, komischerweise nicht Havanna, das lateinamerikanisch blieb, sondern Kuba als Kuba ohne Stadt drin. Es gab also ein Land - Kuba, und eine Stadt- Berlin mit "B" anfangend, die den Ostblock vertraten.

Mein erster Besuch in Berlin dauerte zwei Stunden. Es war im August auf dem Weg an die Ostsee. Ich musste vom Zug aus Sofia in den Zug nach Rostock umsteigen. Ich fuhr zum Alex, schaute mir den Fernsehturm und den Neptunbrunnen an, kaufte mir von Zwangsumtausch ein senffarbenes Handtuch, das immer noch als Lappen im Gebrauch ist, und ein Paar Salamander-Schuhe (westliche Schuhe im Osten, musste ich staunen!) in der Kaufhalle und sah mir die Passanten an, die sehr ihrem Hauptstadtplatz ähnelten.

Mein erster Besuch Westberlins fand nicht statt. Auf dem Weg zurück nach Hause flog ich über Schönefeld. Ich holte mir ein Visum für BRD Berlin West und wollte in den drei Stunden zwischen den Flügen hinfahren. In Schönefeld erfuhr ich wie naiv diese Idee war und trauerte so, dass ich aus der Transithalle gar nicht hinausging.

Dem entsprechend wahrscheinlich, fing mein erster richtiger Besuch Westberlins im Osten - am Flughafen Schönefeld, an, ich eilte mit der S-Bahn bis Friedrichstraße, stieg in die U-Bahn bis Ku'damm, landete in einer Pension an der Fasanenstraße, die nicht weit vom Hotel Kempinski lag, und zog drei Tage später den gleichen Weg zurück. Es waren Frauen aus ganz Europa von einer grünen Senatorin eingeladen, um sich politisch auszutauschen. In Sofia gab es gerade damals, es muss 1990 gewesen sein, Stromrationierung: zwei Stunden gab es Strom, zwei Stunden nicht. Man schrieb oft beim Kerzenlicht und die Kerzen waren knapp. Die vielen Lichter des Kempinski haben mich fasziniert, diese Verschwendung hatte etwas Amerikanisches. Die vielen Kerzen auf den Tischen des Restaurants könnte man uns spenden, dachte ich, meine Arbeit ginge dann schneller voran. Das Frauentreffen erwies sich als sinnlos. Die Ideen des Feminismus und der Frauenprobleme waren im Osten und im Westen Europas so weit auseinander, dass sie sich um nichts auf der Welt je treffen könnten. Die gebrochene Kirche hat sich dann aber in meinem Inneren eingeprägt, als Symbol einer Stadt, die auch meine sein könnte.

Ein weiterer Besuch Westberlins realisierte sich kurz danach und dauerte 20 Stunden zwischen einem Zug aus München und einem Flug nach Sofia. Es war die Verlängerung eines Münchener Treffens von Technologiehistorikern aus ganz Europa, man rastete im Schweizerhof, aß Forelle blau und das Tagesgeld reichte, mir einen Regenmantel und ein Wolltuch zu kaufen. Von dem Tuch habe ich mich noch nicht getrennt. Die Kollegen aus Frankreich und Norwegen meinten, der Flughafen wäre nur 20 min. entfernt, und ich blieb, um vom Taxifahrer zu hören, dass sowohl meine Zeit, als auch mein Geld zu knapp waren, um den Flughafen zu erreichen. Es war nämlich nicht Tegel, worum es ging. Schönefeld blieb und bleibt das Schicksal der Sofioter in Bezug auf Berlin.

Berlin blieb nach der Wende für mich genau so uninteressant, wie vor der Wende. Ich besuchte Westberlin zum dritten Mal und zwar diesmal für mehrere Monate, und erst dann fuhr ich nach Berlin. Eigentlich bis zur Grenze und nur etwas darüber. In der Nähe des Checkpoint Charlie befand und befindet sich immer noch die Bulgarische Botschaft in Berlin. Ich mußte kurz dahin und deswegen musste ich die Grenze überqueren. Es war ein merkwürdiges Gefühl, denn es gab dort keine Reste der Mauer. Warum, fragte ich mich. Diese Eile, dem Unausweichlichem auszuweichen. Meine westberliner Freunde waren echt genervt: es gäbe keinen Grund mehr die Mauer zu sehen, es ist eine Stadt, nicht mehr geteilt. Ich dachte, sie haben keine Ahnung, denn für sie war Westberlin auch damals Berlin. Berlinwest oder Berlinost war für die Deutschen immer noch Berlin. Die Alphabete und die Ordnung der Missverständnisse, dachte ich, und es war das Cafe Adler da und ich beruhigte mich mit einem Milchkaffee.

"Kann ich Fanta-Vitamin-C haben, Oma?" Das Kind rief aus dem Garten voller Freude, deren Grund  die Erwachsene nicht verstand. Ein Zehlendorfer Kind, das über Zusatzstoffe in Getränken aufgeklärt war und nach einer in Volvic Quellwasser aufgelösten Vitamin- C- Tablette mit Blutorangen-Geschmack verlangte.  

Die Gegend nördlich von Berlin ist oft sehr windig. Da, wo ich Kind war, gibt es auch heute wenig Wind. Die Hitze im Sommer und die Kälte im Winter sind normalerweise windstill. Wind bedeutet deswegen Bewegung der Jahreszeiten, nicht nur der Luftschichten, und man verbindet damit ein Gefühl der Frische wie im Urlaub am Meer oder im Gebirge. Keiner kann sich richtig vorstellen, was für einen grausamen, gewaltigen, bösen Wind es bei Berlin geben kann. Und dass das Neue nicht nur ein bisschen neu sein kann. Ein Wind, der kein Maß kennt. Das nannte man in meiner Kindheit Sturm. Stürme habe ich hier auch erlebt, und das ist etwas viel gewalttätigeres als der Wind.

Ich öffne die Tür und schon ist sie mir aus der Hand gerissen, knallt gegen die Wand und das Fenster, macht sie kaputt. Der Wind bläst mich beinah weg, ich gehe deshalb gar nicht hinaus, schließe mit Mühe die Tür, befestige die Fenster etwas und koche einen Tee. Dann  höre ich den Wind. Ich spüre, dass ich nicht weit vom Meer bin. Ich denke nicht an Meeresurlaub mit einer Brise im Süden, sondern an die Nordsee im Winter, die einige hundert Kilometer von hier liegt. Und nur Felder dazwischen. Der Wind jagt wild durch die Gegend, es gibt nichts, was ihn stoppen könnte. Es gibt keine Hindernisse außer die sich wie Wasserwellen biegenden Bäume. Die Felder sind gerade, gerade und wieder gerade. Der Wind - frei und voller Wut, ein Ausdruck des Vermissens von Hindernissen.

Das Durcheinander, das der Deutsche Geist und Leib in Berlin veranstaltete blieb mir fern. Münchener und Charlottenburger zogen nach Prenzlauer Berg,  Kölner und Wilmersdorfer nach Mitte, Bonner und Schöneberger nach Köpenick, Hamburger und Neukölner nach Friedrichshain, Frankfurter und Steglitzer nach Kleinmachnow, Dortmunder und Spandauer nach Falkensee etc. Sophiensäle wechselten zum Ku'damm, um den restlichen noch nicht umgezogenen Westberlinern die richtige, die moderne Kultur zu vermitteln. Die Ostberliner erkundeten die Westdeutschen Länder und insgesamt blieb in vielen Bezirken Berlins mehr Platz für Ausländer, die keinen Schrecken bekamen und die Stadt weiter eroberten, was durchaus Berlin von Geistergegenden bewahren konnte und am Leben hielt. Die Metropole wollte sich mit dem Kitsch, der faulen Zufriedenheit und vor allem den Klischees nicht abfinden, aber die Suche nach dem neuen "Ich" war eher gezähmt. Die beide Teile vermischten sich, eins wurden sie dadurch nicht. "Само настана един напън за нещо, дето никой не го знаеше какво е" (Samo nastana edin napan sa nesto, deto nikoi ne go snaesche kakvo e). Das war bulgarisch und bedeutet etwa: "Es ist nur ein sinnloses Streben nach etwas, von dem niemand wußte was es ist, entstanden." Jeder konkurrierte mit jedem und zeigte sich gerne. Die Stadt regte sich immer mehr auf. Neuberliner mit guten Portemonaies und wenig Aufgaben hatten unter den Nasen der enttäuschten Touristen die Stadtführungen besonderer Art gebucht: Berlin literarisch, auf den Spuren der Diaspora, etc.

Die amerikanischen Reiseführer haben ihre Texte über Berlin erneuert: "Der den westlichen Besucher bekannte Berlin war riesig schon vor der Wiedervereinigung. Nachdem die Mauer fiel, wurde Berlin eine große Metropole. Sie ist die größte kontinentale Stadt zwischen dem Atlantik und dem Ural zu werden und hatte schon bei der Wende die breiteste Fläche. Paris konnte sechs mal darin passen... Berlin ist eine schwierige Stadt für den Besucher... Aber wer weiß, es kann sein, dass bei Ihrer Reise Sie eine wirklich geeinte Stadt entdecken können. Sie werden mit Sicherheit eine faszinierende entdecken."[1]

Ich weiß nicht ob es bulgarische Reiseführer über Berlin heute gibt und was sie schreiben. Auf jeden Fall kann man in diesem Zusammengang nichts mehr alphabetisch verwechseln: Берлин (Ost-Berlin) ist die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland und es gibt kein Западен Берлин (West-Berlin) mehr.

Bernd macht seinen Kaffee nach polnischer Art. Er gießt einfach Wasser in die Tasse, in die er vorher schon Kaffeepulver gegeben hat. Das hat er von polnischen Kollegen gelernt und es gefällt ihm, sich nicht um ernsthaftes Kaffeekochen zu bemühen. Es würde ihn an seine weggelaufene Frau erinnern, an die Arbeitslosigkeit seines Sohnes und seine eigene, an die gescheiterte Ehe, an die Liebe, die sich immer breit macht, wenn man ihr ein Fensterchen der Möglichkeit öffnet. Eine kleine längliche Bank wartet auf ihn in der Scheune. Er fand sie zusammen mit einem Kleider - und einem Wäscheschrank im Haus einer älteren Nachbarin. Sie bot ihm an, ihre Möbel abzuholen, weil sie ins Altersheim wollte, in ihrem Haus nicht mehr zurecht kam und die alten großen Möbel leider nicht mitnehmen konnte. Als er an diese anmutigen Greise denkt, an ihre feingeordnete Wäsche in den Schränken, und wie sie nach Frische, Zimt und Lavendel duftete, an die Ecke, wo die Bank stand und auf der die alte Dame saß, als sie ihre Schuhe zuschnürte oder auszog, keimt Sehnsucht in ihm. Er mochte die Greise und so liebte er auch ihre Möbel, polierte die wenigen kleinen Macken und stellte sie in die Scheune, entschlossen, sie nur an Menschen, die er gern hat, weiterzugeben. Er hätte sie seinem Sohn geschenkt und es könnte sich noch ergeben. In ferner Zukunft. Momentan konnte der Junge sie nicht gebrauchen. Er hatte vor kurzem sein ganzes Zimmer schwarz gemalt. Schwarz, mit Ausnahme eines Tisches, der die Farbe Schweinchenrosa bekam, glänzend, über die blanke, alte, mit viel Mühe von Holzwürmern gesäuberte Holzplatte mit den geschwungenen Beinen.

"Die Bank ist fast fertig. Würdest Du sie gern haben?" Die Verbindung ist dumpf, als ob man mit Polen telefonierte. "Sie ist dunkelbraun, etwa 200 Jahre alt und liebenswert. Du muss sie ab und zu streicheln."
"Es ist mir eine Ehre. Ich verspreche sie nie mit Kuchenteighände sie anzufassen".
"Weißt Du, er hat auch das Türfenster schwarz bemalt. Das kleine Fenster, das ich aus der alten Kirche für ihn als er geboren worden war eingebaut habe, erinnerst Du Dich? Die Farbe hat er von seinem Taschengeld besorgt." "Was machst Du noch an der Bank?"
"Ach, lass es meine Sorge sein. Sie ist noch in meinen Händen."
"Was hast Du ihm gesagt?"
"Dass ich nicht weiß, mit welchem Geld wir es anders malen werden, wenn die Mutter zurückkommt."
"Und er?"
"Er hat lange auf dem Handy mit seinem Freund telefoniert. Sie bezahlt es ja"
"Du telefonierst jetzt auch mit mir."
"Sein Freund wohnt gegenüber, sie sehen sich durch das Fenster, winken sich zu, treffen sich nicht, telefonieren stundenlang, schreiben sich SMS-Botschaften."
"Wohin passt die Bank bei mir, meinst Du?"
"Du muss sie sehen, wenn Du in die Wohnung reinkommst."
"Unter den ungarischen Bilder habe ich etwas Platz. Ich komme am Wochenende vorbei."
"Ich freue mich"
"Bis dann, Bernd."
Der Kaffe ist schon längst kalt, aber das spielt für Bernd eigentlich keine Rolle, solange die Bank unter den Fingern immer wärmer wird.

"Könntest Du nicht aufs Radio umschalten, bitte?", frage ich Bernd am Montagmorgen im Auto Richtung Berlin.
"Magst Du die CD nicht? Ich habe unsere alten Lieblingstücke selbst darauf gebrannt", sagt er etwas enttäuscht. "Schon am Freitag habe ich mich darauf gefreut, dass Du auf dem Rückweg mitfahren wirst,  und sie vorgespielt bekommst."
"Ich will sie hören, aber ich habe noch nicht erfahren wer den Goldenen Bären gekriegt hat. Oder weißt Du das schon?", ich suche die Knöpfe zum Anschalten des Radios.
"Eine Branche feiert sich selbst und ich habe gerade eben nicht die Zeit es zu verfolgen. Und warum sollte mich das auch interessieren? Welchen Film ich sehen will hängt doch nicht davon ab, wer die Berlinale gewonnen hat, oder?" Bernd stellt die Musik etwas lauter. Ich muss lachten: "Da hast Du eigentlich recht, Bernd. Clapton passt super zu den nebligen Feldern."

„Oma, warst Du fünf Jahre alt, als die Vazis Zigeuner verbrannt haben?", das Mädchen stellt diese Frage, während die Zehlendorfer Oma ihre Zöpfe flocht. „Du meinst die Nazis, Schätzchen. Ich bin etwas älter als Du gewesen", die Frau versucht gelassen zu erscheinen. „Was hast Du dann gemacht, Oma?" „Gar nichts, Schätzchen". Die Zöpfe sind schwierig, das Köpfchen hat drei Wirbel, vorne und hinten verteilt. „Gar nichts? Machst Du Spaß?", die Kleine sitzt brav weiter. „Ich wusste ja nichts davon. Erst später habe ich erfahren, was geschehen ist." „Was wusstest Du nicht?" Diese Haare sind unbezähmbar. „Oma, Du weißt schon, ich habe am Spielplatz einen Freund, der Zigeuner ist. Ich will ihn am meinem Geburtstag ins Kino einladen." Die Miene des Kindergesichts ist sehr ernst. „Kannst Du doch, Schätzchen. Oma schreibt mit Dir die Einladung und wir kaufen Karten", weicht die alte Frau aus. „Aber, Oma, wie kann ich denn, wo ich nichts weiß, über diese Geschichte mit dem Verbrennen. Er sagt, er hat einmal im Kino gesehen, wie Zigeuner verbrannt wurden." „Du kannst Papa oder Mama fragen, sie wissen ja alles, sie haben mehr studiert. Oma kennt sich nicht so gut aus." Irgendwie haben die erfahrenen Finger das trotzige Haar besiegt. Die Zöpfe sind sehr schön geworden. „Oma, was hast Du dann gemacht, als sie Zigeuner verbrannt haben?", wiederholt das Mädchen diesmal zu der alten Frau gewandt und mit aufdringlichen Augen. „Wir wussten ja nichts, Schätzchen. Wir haben immer Stoffe von einem jüdischen Paar gekauft. Schöne Stoffe, gute Händler. Sie kamen zu den Häusern einmal im Monat. Meine Mutter war sehr zufrieden mit ihnen und ging für Stoffe niemals in die Stadt. Sie kamen jahrelang in unsere Straße. Eines Tages kam die Frau und bot meiner Mutter alle Stoffe an, aber meine Mutter hat sie nicht genommen. Wir hatten nicht so viel Geld, die Stoffe zu kaufen. Die Frau wollte sie ohne Geld da lassen, aber Mutter wies sie zurück, denn sie wollte nichts Unbezahltes besitzen. Unsere Familie bewahrte nichts Fremdes auf, wir sind eine anständige Arbeiterfamilie. Das war es." „Was war es?", die Kleine schaute verwundert. Die alte Frau kam aus ihrer Gedankenwelt heraus, „Sie sind nie wieder gekommen." „Warum, Oma?". „Sie sind dann weggeschickt worden und kamen nach dem Krieg auch nicht zurück." „Wurden sie verbrannt?" Große, noch sich vergrößernde Kinderaugen. „Schätzchen, das haben wir nach dem Krieg erfahren, aber vorher wussten wir das nicht. Wir sind nicht alle schuldig an dem was passiert ist, wie uns heute alle einreden. Ich bin so jung gewesen, musste im Norden auf einem Bauernhof arbeiten gehen, um den Krieg zu überleben. Alle meine Knochen sind heute kaputt, von der Schlepperei. Es war eine schlimme Zeit." „Oma, ich lade ihn dann nicht ins Kino ein." „Aber, Schätzchen, Oma kommt mit, wir suchen uns einen schönen Kinderfilm aus." „Oma, und wenn er im Dunkeln verbrannt wird, ohne das wir etwas wissen?"

Das Mädchen lud den Jungen in den Zoo ein, umsonst, denn er interessierte sich nicht für Tiere, auf jeden Fall nicht für eingesperrte, die hin und her laufen. Er wusste wann Tiere hin und her laufen. Aber völlig umsonst war das ganze doch nicht, weil er sich schließlich in einen Elefanten und ein Krokodil über alles verliebte, auf dem Zoospielplatz, dort, wo man auf den Holztierkonstruktionen klettern und schaukeln konnte, und noch springen und rutschen, hängen. Und alles war wie immer.

Die Bank passt genau unter die ungarischen Aquarelle. Ihre nussbraunen klaren Linien heben sie vor der terrakottafarbenen Wand ab und der Blick trifft sofort auf sie wenn man die Wohnung beträt. Genau wie Bernd sich das gewünscht hat. Ich meinerseits wünsche mir einen Tag, an dem ich dieses Möbelstück in die Diele seines Hauses in der Prignitz zurückbringen kann. Wenn in dieser Diele auch freudige Stimmen zu hören sein werden und es nach ganz normalgekochtem Abendbrot riechen wird, wenn Bernd wieder Arbeit hat und sein Sohn auch, oder mindestens sein Sohn. Ich scheue mich  trotzdem nicht, sich auf die Bank zu setzen und sich die Schuhe auszuziehen. Denn leben muss ein Möbelstück doch, sogar wenn es nur wartet. So frage ich Bernd, ob er mit mir zu Mittag essen will.

Ich habe nie gelernt, langsam zu essen. Man musste schnell essen, wurde ich gelehrt, denn langsame Esser magerten in der Armee ab - irgendwann mal war die Essenszeit vorbei, der Leutnant schrie "Aufstehen!" und das war es. Hunger oder Manieren spielten keine Rolle. Es gibt keine Wahl in der Armee. Es gab auch keine Wahl in den Lebensmittelgeschäften und am besten war man zufrieden mit dem, was es gab. Man musste auch aufessen, wegen des Verschwendens. Also, schnell, alles und ganz essen. So etwas einfaches konnte ich nicht.

Die Oma, deren Namen mir gegeben worden ist und die sich am meisten um mich gekümmert hatte, stammte aus einer Pfarrersfamilie und war Anfangs des Jahrhunderts, in dem ich zur Welt kam, geboren. Zur ihrer Zeit musste man langsam und aufmerksam, mit gewissem Respekt zu der Mahlzeit und dem Tischpartner essen, dabei musste man sich von den auf dem Tisch stehenden Gerichten aussuchen, was man essen soll. Niemand schrie. Das kann man sich eigentlich gut merken: das Leben in einem Pfarrhaus ist beträchtlich komplizierter als in der Armee. Meine andere Oma hatte eigentlich auch nichts mit der Armee zu tun. Und ihre Kinder sollten langsamer essen, nur durften sie erst essen, wenn die Eltern aus dem Hof in den Bergen zurück kamen. Das kann im Sommer sehr spät sein, Kinder können sehr hungrig werden und können ihren Mund sehr voll machen und sehr schnell unzerkaut schlucken. Und falls die Eltern zu viel zu besprechen haben, merkt keiner wie solche gutmütigen, süßen Kinder sich blendend für die Armee vorbereiten. Sie mussten ja auch, denn so war ihre Zeit gewesen, ihre Erwachsenseinzeit, in der alles einfach strukturiert sein sollte. Das wussten die Eltern nicht und der Vater wollte es auch nicht wissen, als es schon alle bemerkt haben, und er starb, um es nicht wissen zu müssen. Die Mutter, meine Oma aus dem Bauernhof, bemerkte es irgendwann, nachdem sie auch ihren erstgeborenen Sohn verlor, und da sie eine friedliche Frau mit Abscheu gegen die Armee war,  wurde sie sehr aufmerksam wie die Kinder essen. Das waren aber schon die Enkelkinder, und leider hatten auch sie keine große Wahl. Irgendwann ist die Zeit der Omas und ihrer komplizierten Erinnerung - und Fantasiewelt vorbei. Besonders in einer so einfachen wunderschönen Welt, wie die meiner Kindheit.

Ich war in eine dieser Welten geboren, die glauben ewig bleiben zu können. Um die Zeit sagte ihr auch keiner laut genug, dass sie nicht bleiben dürfte, denn sie war ja sehr einfach und überschaubar. Menschen mögen einfache Sachen, nicht wahr? Daran denke ich immer, wenn ich Amerika besuche. Amerika erinnert mich sehr an meine Kindheit, so einfach läuft alles dort, beinah wie ich aufgewachsen bin. Es gibt sogar einen elektrischen Dosenöffner, dass es für die Menschen einfacher wird, fast so einfach wie mit einem stumpfen Messer, nur eben von der anderen Seite des Einfacheren. Die einfache Welten des Armeeschluckens und des Fastfood habe ich nacheinander gelernt, aber mit großen Abständen.

Erst musste ich zur Schule und weg von der Oma, direkt in die Schulkantine oder daheim in die Mittagspause meines Vaters. An beiden Orten musste ich mit voller Kraft lernen schnell zu essen. Es stank auch alles an den Orten des Essens genau so wie Feldküchen immer stinken oder mindestens wie es ich es vom Opa erzählt bekommen habe, dass sie in seiner Jugend gestunken haben mussten. Ich habe nie eine Feldküche erlebt, aber ihr Geruch der mit Mehlschwitze gemachten Suppen und Soßen, der sich in das Holz der Stühle und in die Kleider der Soldaten eingenistet hat, den kenne ich gut. Meine Haare, meine Haut, wie haben sie das ausgetragen, frage ich mich heute. Mein Schulkittel roch und waschen half nicht, er trocknete, wurde gebügelt und getragen immer inmitten dieses Geruchs. Erst in den Realitäten anderer Sprachen wuchs mein Haar lang. Meine Haut allerdings konnte sich nie anpassen und wurde von Allergien geplagt, da es in der Welt ohne Gerüche auch ganz schlecht für eine Haut sein kann. Offensichtlich habe ich mir immer die falschen Sprachen ausgesucht, nicht wahr?

Bei der Oma in der Stadt roch es nach alten Nussmöbeln, Quitten und weißen Kirschen, Tikvenik[2] und Tomaten mit Käse. Bei der Oma im Dorf nach Lehm, Kräutersuppen, Schafsjoghurt, ein paar Mal im Jahr nach im Kaminfeuer gegrillter Ribnitza[3] und warmem Zwetschgenschnaps mit Honig. Es ist mir rätselhaft was für eine Sprache ich damals sprach und wohin ging diese Sprache, die ich und meine Omas sprachen, mit all den Gerüchen. Pfingstrosen, Flieder und Zdravetz[4], gegangen ist, manchmal ruft sie ein Frühlingsgeruch aus der Erinnerung heraus, wie an dem Tag der Väter des slawisches Alphabets Hll. Kyril und Metodi im Mail,  und ich erkenne, dass es eine slawische Sprache gewesen ist. Meine Mutter hat vergeblich versucht, diese himmlische Mischung nach Sprache duftender Blumen unter den Fenstern unserer Wohnung im Hochparterre zu bewahren. Nur eine Kirsche überlebte etwa zehn Jahre lang, nachdem die Einfamilienhausgegend von den zuständigen Behörden in eine Plattenbausiedlung verzaubert worden war. Danach war alles tot. Die Zwetschgenbäume im Dorf breiteten sich aus, ihre Früchte benutzte allerdings keiner mehr, da sie nicht zu den Plänen der Behörden passten, so verfaulten sie und vereinten sich mit Erde, wie es sich wahrscheinlich gehört. Dabei sind die Gerüche natürlich andere. Der Matsch der Verlassenheit passt irgendwie zu dem Allgemeingestank der Feldküchen besser. Das nannte sich in meiner Kindheit, nahe an der Realität des Lebens sein. Gestank war gleich Realität, das begriff ich allmählich in der Schule, schon bevor ich alle Buchstaben schreiben oder das Alphabet auswendig konnte.

Bernd mag bulgarisches Essen.

Im Zehlendorf ist es  grün. Der Pollenflug hat nachgelassen. Die Oberfläche des Nachbarsteiches ist unbedeckt: man sieht die kleinen Fische Algen fressen. Das Mädchen füttert sie mit Krebskrümeln und lässt eine neugierige Katze einige davon essen und an seinen Fingern lecken.

 


"Fodor's Choice", "Exploring Berlin", S. 60
Kurbisstrudel, bulg.
Lammkarees, bulg.
Eine Art Tannengeranie, bulg.

Tzveta Sofronieva

 

lebt nach Aufenthalten an mehreren Orten der Welt als freie Autorin überwiegend in Berlin und schreibt auf Deutsch, Bulgarisch und Englisch Gedichte, Prosa und TheatertexteLiteraturinstallationen, Essays und wissenschaftliche Artikel, veröffentlicht in mehreren Sprachen, übersetzt Poesie, initiiert und entwickelt interkulturelle Netzwerke und Herausgaben.

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