erschienen in  Mein heimliches Auge, Das Jahrbuch der Erotik XX

Tübingen: Konkursbuchverlag, 2005

In Mein heimliches Auge XIX, 2004 erschien die Erzählung Frau auf Frau

Briefe einer Dichterin an einen Fahrradhändler oder eine Poetik der Küsse

1.

Sehr geehrter Herr! 

Sie sagten, einer Ihrer Küsse gehöre mir.  Diese Worte haben mir den Schlaf geraubt.
Nichts anderes wollte ich so sehr als ich mein Fahrrad gestern bei Ihnen im Laden zur Reparatur brachte.

Ungeduldig wartete ich in der Nacht
auf den Kuss, der mir gehört. 

Er kam von einem Mann mit Kraft in der Zunge
und Lachen in den Mundwinkeln.
Er wurde von zwei neidischen Männern
und einer nichts ahnenden Frau
gefangen gehalten.

"Wo ist der Kuss?",
wisperte meine Unterlippe, als sie von dem Gefangenen erfuhr.
"Wo ist der Kuss?",
streckten sich zum Herumschauen die neugierigen Brustwarzen.
Die Frage zog nach unten hin.
Ein Kuss ist schwer vorstellbar.
Die Zehenspitzen brüllten sofort die Welt an:
"Frei oder verloren? Mit welchen Folgen?"

Ihre B.

 

2. 

Sehr geehrter Herr! 

Sie sagen langsam aber sicher setzt sich der Kuss in der Hitze doch durch. Wie können Sie sich einen Kuss vorstellen? Meine Fantasie schafft so etwas nicht. 

Sind Küsse nicht unterschiedlicher, einmaliger als Menschen? Ein Kuss, dieses Wunder, entzieht sich der Vorstellung und dem Willen. Er atmet, lächelt. Eine Komposition der Gerüche, die schmeckt, zieht sich den Körper spielend entlang, ruft nach einer beißenden Lust. Alles kann an der Tatsache scheitern, wie nass oder wie warm ein Kuss ist. Wenn er wenig atmet, vertrauen wir ihm nicht. Manchmal werden die Lippen rissig und abgeneigt nur von einem flüchtigen Zusammenkommen. 

Ein Kuss beweist genetische Verträglichkeit. 

Ja, ich will Sie küssen. Ob unsere Zellen sich dabei begegnen, kann ich nicht vorhersehen und noch weniger versprechen.

Ihre B.

 

4. 

Sehr geehrter Herr! 

Zu ungeduldig schnell bin ich, viel zu jung? Zu viele Küsse will ich statt den einen?

Im Dorf, in dem ich geboren bin, war es empörend, wenn Mädchen Männer küssen vor der großen ewigen Liebe. Als ob jemand wissen könnte, welche Liebe groß ist, und als ob Liebe je ewig sein könnte. Man sagte, wenn du einen Mann küsst, wird er zum Frosch und hüpft davon, denn die Natur der Männer ist die Eroberung. Sogar wenn du einen Mann Blut spucken siehst, vertraue seinem Schmerz nicht, habe kein Mitleid, verzichte noch mehr auf seine Küsse, denn er spielt nur mit der Macht.

Die natürlichste Folge, die ich darin sah, war die einzige mir vernünftig erscheinende: Ich muss die Männer sofort küssen. Entweder sind sie dann für immer weg, damit hat es sich erledigt, oder aber sie sind wirklich da und werden nicht zum Frosch. Eine natürliche, sich selbst genügende Beziehung fängt an. Man muss, wenn es um Küssen geht, nicht unbedingt Zeit verlieren. 

Hier in der Stadt scheint es viel komplizierter, wie Menschen mit den Küssen umgehen. Als ob sie immer Verweilen brauchen, um sich an Küsse zu gewöhnen. 

Kann man sich denn an Küsse gewöhnen?

Was meinen Sie? Ihre B.

 

5.

Sehr geehrter Herr!

Ich flirte nur mir Männern, die mich nicht interessieren, und mit ihnen viel und lustig, ohne dass ich je mir vorstellen kann, da Küsse auszutauschen.

Küssen ist ja weit entfernt vom Flirten.

Ihre B.

 

7.

Sehr geehrter Herr!

Mich interessiert nicht die Macht, die Menschen ausüben.

Ich redete über die Kraft der Präsenz. Wie körperlich sie ist, und wie unkörperlich. Wie, was Küssen betrifft, anziehend oder störend. 

Es geht mir um die Macht, die die Zellen tragen. Und wie es ist, wenn sie wispern oder gar schreien.

Wie geht es Ihnen heute bei dem Regen?  

Ihre B.

 

9.

Lieber Herr! 

Von Ihrem Kuss kann ich mich noch nicht erholen. Und auch zu dichten nutzt hier wenig. 

Ihre B.

 

P.S. Von einem Freund erbte ich einen Traum ohne Küsse, den ich Ihnen gerne schenke: Ach, wenn es zwei Monde gäbe, mir ein Fahrrad zu bauen, und damit weit, weit weg zu fahren, dahin, wo es nur einen Mond gibt. 

 

11.

Sehr geehrter Herr!

Jede Atemlosigkeit ist eine Angelegenheit von gestern.

Ihre B.

Tzveta Sofronieva

 

lebt nach Aufenthalten an mehreren Orten der Welt als freie Autorin überwiegend in Berlin und schreibt auf Deutsch, Bulgarisch und Englisch Gedichte, Prosa und TheatertexteLiteraturinstallationen, Essays und wissenschaftliche Artikel, veröffentlicht in mehreren Sprachen, übersetzt Poesie, initiiert und entwickelt interkulturelle Netzwerke und Herausgaben.

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