publiziert in Kooperation mit dem Projekt Verbotene Worte

Dieser Essay ist eine stark ergänzte Version des Textes, der im Sprachbuch (Stuttgart: Klett 2003) und mit weiteren Veränderungen in der Anthologie Verbotene Worte (München: Biblion 2005) erschien.

Siehe auch den Essay Andere (W)Orte sowie Verbotene Worte - Über das Gedächtnis der Worte in der Mehrsprachigkeit.

Gefangen im Licht oder die Sprache als verbotene Heimat

In Zeiten der Globalisierung glauben wir, uns von der Geografie lösen zu können. Diese offenbart sich jedoch durch die Geschichte der Orte, wird in deren sprachlichen Bildern wi- dergespiegelt, unabhängig davon, welche Sprache als Kommunikationsmittel benutzt wird. Das interkulturelle Gespräch wird immer wichtiger, das Gespräch darüber, ob und wie wir miteinander kommunizieren. Ein von Worten aus vielen Sprachen bewohntes Dazwischen hat schon an Raum gewonnen. Meine intensivste Erfahrung dieses Raumes fing mit meinem Bewohnen der deutschen Sprache an.

Das Gedicht Gefangen im Licht, das das Titelgedicht meiner ersten Gedichtsammlung auf Deutsch wurde, hieß ursprünglich »родина« (rodina), »Heimat«, ein Wort, das ich nur dieses eine Mal in meiner Poesie benutzt habe, als Titel eines Gedichts über die Sprache. Während des Prozesses der Veränderung dieses Titels wurde ich auf Deutsch geboren; von jemandem mit Sprache als Heimat wurde ich jemand, der im Licht der fremden Sprache erst einmal gefangen ist. In diesem Prozess wurden mir einerseits die Probleme der kulturellen Übersetzung am eigenen Leibe klar – ich übersetzte mich selber, ich übersetzte das Leben, nicht das Gedicht. Andererseits wurde mir bewusst, dass die Erwartung, die kulturellen Missverständnisse innerhalb Europas seien kleiner als mit außereuropäischen Kulturen, nicht zutreffend ist: Sie sind nur anders.

»... wie die Worte leuchten ...«

»Gefangen im Licht« schrieb ich als Ausdruck eines Gefühls über das, was Sprache für mich bedeutete. Begegnungen und Abschiede von Wörtern – diese Beschreibung kommt mir am zutreffendsten vor, wenn ich an das Bewohnen neuer Orte, und im Besonderen, an mein Bewohnen Deutschlands denke. Als ich ein Paar Jahre nach der Wende nach Deutschland kam – im Übrigen aus Amerika, nicht aus Bulgarien –, kannte ich deutsche Literatur nur in Übersetzung, konnte ich vier Wörter: »gut«, »kaputt«, »heil« (von »Heil Hitler!«) aus russischen Kriegsfilmen und »das Sein«, wegen Kant. (Auf Französisch waren es »bonjour«, »d’accord«, »merci«, »mon ami«,die in meiner Kindheit schwebten). Spielerisch lernte ich Deutsch, wie ein Kind, unernst, als fünfte Sprache, die im Alltäglichen helfen sollte. Ich beabsichtigte nicht, im Deutschen zu bleiben, wie Kinder nichts beabsichtigen. Ich war mit viel Leichtigkeit, mit genauem Benennen und mit vielen Grenzen konfrontiert. Langsam ertastete ich die Hügel und Täler der Sprache, die Abgründe ihrer Meere, roch ihre Blüten und genoss die Kühle ihrer Quellen. Spielen, krabbeln, probieren, fallen, weinen, aufstehen, wandern, durchlaufen, überspringen, greifen, aneignen, erobern, misslingen, verlassen, enttäuscht sein, neu anfangen, lieb gewinnen, sich geborgen fühlen, laufen, umknicken, schwimmen, neue Ufer erreichen, Sandburgen bauen, Teig kneten, formen, backen, den Geruch des Brotes durch die Fenster strömen lassen, einen Kaffee dazu kochen. So wurde Deutsch eine meiner Heimaten – wegen des Lernens über Leichtigkeit, Benennen und Grenzen, wegen des Wanderns. Andere Leichtigkeit, neues Benennen, andere Genauigkeit, neue Irrtümer und andere Entdeckungen beim Wandern, neue Grenzen. Man ist immer gefangen im Licht der Sprache. Mehr als eine Sprache sagen kann, kann man in der Heimat dieser Sprache nicht sagen, solange man sie nicht erweitert: die einzige Gebietserweiterung ohne Aggression.

Ich schrieb dieses Gedicht in einer Nacht, in der ich begriffen habe, dass die Leichtigkeit meiner Entscheidung in Deutschland zu bleiben, eine Selbstaggression war. 1991 – eine Sternstunde in Deutschland, denn mit der Wiedervereinigung war die Ex-DDR in der EU, und eine unblutige Veränderungsstunde in Bulgarien, als die alten Fahnen weggerissen wurden, alte Sterne runterfielen und neue nicht am Himmel waren. In Sofia gab es keine Milch, da die »roten« sozialistisch treu wählenden Bauern die »blaue« demokratisch ge- wählte Stadt ohne Lebensmittel ließen. Auch keine Trockenmilch, so etwas gab es damals sowieso nicht. Die Familien mit kleinen Kindern standen in Schlangen ab 4.30 Uhr morgens und wechselten sich in der Winterkälte ab, um eventuell einen Liter zu bekommen. Die Milchstraße war zweigeteilt: Milch (und Sterne) waren nach Berlin zugeteilt, die Straße (der Weg der Sehnsucht) war in Sofia zu gehen. Ich war neu in Berlin, ich liebte einen Deutschen und, als Wessi meiner Generation, verstand er nichts von Milchmangel. Ich war versehentlich ins Zentrum des Sternen-Wirrwarr geraten. Man ist gefangen im Licht der Liebe, je mehr Licht, desto gefangener, solange man Angst vor Dunkelheit hat.

»... die Schatten der Worte die Seelen meiner Sprache ...«

Verse über die Liebe zur Sprache, über die Schmerzen der Sprachwechsel, über die Unmöglichkeit des Verständnisses. Die Worte kamen als Engel und flossen in Reime und Bilder, kamen als leuchtende Sterne und fielen als Sternschnuppen, ohne mich zu ver- brennen. Ich wusste nicht, wie zu erklären, wie zu benennen. Ich ahnte nur in dem Raum zwischen den beiden Sprachen. Im Ozean der Seele, denn »Seele« hat ihren Ursprung im »See«, schwamm ich ohne Sprache, liebte ich und blieb ich. Auf den Inseln des Inneren, auf dem festen Land – zumindest jetzt fest, sogar wenn es in der Zukunft untertauchen könnte und sich ein anderes Land als Inseln nach oben heben könnte, in dem Jetzt der Sprachenkonstellation meiner Person, wanderten Bedeutungen mit Nuancen, verwandelten sich in andere Bedeutungen und andere Nuancen, ich konnte es nicht sagen, nichts erklären. Die Qual des ungewollten Schweigens. Die Seelen, die Seen meiner ersten Sprache, in der ich geboren bin und schwimme ohne nachzudenken. Oh, ja, ich passe schon auf, ich bleibe wachsam, beobachte die Veränderungen der Riffe, erkunde die Tiefen neu, viele dieser Seen kenne ich auch nur wenig, habe ich nur davon gehört oder geträumt. Aber an die meisten erinnere ich mich, an ihre Launen, an die üblichen Winde und die Farbenspiele mit der Sonne und dem Mond. Die Lichtungen der Seen sind unübersetzbar, die ungeteilten Erfahrungskombinationen, das andere physiologische Empfinden über See(len)wellen. Denn in jedem See hausen alte Sagen, Mythen, Geschichten der an diesem Ort vor mir Gestorbenen. Kenne ich sie, wenn ich dich kenne? Kennst du sie, wenn du mich kennst? Nur Vorahnung übervergangene Zukunftsentwürfe. Verse und Sprachen der Abstammung, der Herkunft, der Familie – wir haben sie immer in Fülle, diese Zungen der Seenbewohner unserer Sprache, die zu uns flüstern. Sind sie nicht Schatten oder blendendes Licht zwischen uns, wenn wir kommunizieren wollen?

In dem Gedicht suche ich die Harmonie zwischen Hülle, Form, Leib und Fülle, Inhalt, innerem Leben, hoffe, dass die Seelen, die Bedeutungen der Wörter aus dem Bulgarischen in die Wörter des Deutschen wandern können, wiedergeboren werden können. Eine vorsichtige Annäherung, ein atemberaubender Abschied (»Seele« auf Bulgarisch »душа« (duscha) enthält auch »beschnuppern«, »würgen«, »leiten«.) Ich erwarte sie wieder, die Seelen meiner Sprache, ihr Gemüt, ihren Atem, ihre Lebensquelle, alle ihre Bewohner, um mich beim Schwimmen im Seewasser des Unbekannten zu ziehen, zu leiten ... Aber sie verblassen, wer- den Schatten und sterben wie in den griechischen Mythen. Ich bin vom Balkan, von Europa, ich beneide die Asiaten um die Wiedergeburt der Seelen (ohne eine Ahnung zu haben, ob es berechtigt ist). Ich komme ins Licht, ich will mit dir reden, ich will, dass du mich siehst und ich dich, sogar wenn wir der Gefahr des Verbrennens oder der Blendung ausgesetzt werden, denn Einsamkeit allein genügt nicht für eine Erkenntnis. Ins Licht kommen, weit von mir selbst, kommunizieren und sich annähern, an den weiteren Grenzen des Selbst – sich auf- geben oder sich erweitern?

»... fortzugehen ist das Streben nach Gott ...«

»Отлъчница« (otlatschnitza) bin ich in meiner Sprache, eine Fortgehende, Rebellin, Ketzerin, Häretikerin, Nichtmehrdazugehörende, Verbannte, Die sich Aussondernde, Ausgestoßene, Die aus dem Lichtstrahl kommende (»от лъч«, ot latsch = vom/aus dem Lichtstrahl) ... Im Mittelalter in Bulgarien die höchste Stufe des Glaubens, denn die Bogomilen – dem Gott Lieben, Teueren – waren von der Kirche Verbannte, die eine stärkere Sehsucht, stärkeres Streben, »стремеж« (stremezh) nach Gott hatten. Ich gehe von der Sprache, in der ich aufgewachsen bin, fort, weil ich die Sprache sehr liebe, weil ich nach der Sprache an sich ein noch stärkeres Streben empfinde. Aber was ist denn Gott und warum ist er/sie/es/wir nicht das Gleiche? Gott soll im Übrigen mit »gießen« und mit »anrufen« zu tun haben (sagt das Deutsche Herkunftswörterbuch, eines meiner Lieblingsbücher), also wieder mit Wasser und Kommunikation ... Licht hat mit Wellen zu tun, Worte haben mit Wellen zu tun. Wasser und Kommunikation.

Dass das Wort »бог« (bog), »Gott« in der Übersetzung nicht geändert wurde, wäre schlecht, meinten die Kollegen, dieses Wort mache so alles kaputt, zerreiße die anderen Metaphern. Ja, Gott, wofür stand dieses Wort? Ursprung, der schmale Grad des freien Willens, die Suche, sich mit dem abzufinden und etwas daraus zu machen, die Überwindung der Einsamkeit. Denn Gott ist Licht (das Gegenteil von Einsamkeit) und Worte, Benennen, Freund von Einstein und Newton, von meinen Physikprofessoren an der Universität, weil niemand, der genug über Natur und Mensch weiß, an dem Unerklärlichen zweifelt. Der berühmte Witz meinesStudiums: »Ein Engel rennt zu Gott: ›Herr, die Menschen haben den nächsten Teil der Weltformel entschlüsselt!‹ ›Na, dann wirf ihnen doch noch ein paar Differentiale runter‹«. So war es mit Gott – ein Ziel auf der Suche nach Erkenntnis, ein Wettbewerb mit uns selber, um Dinge zu benennen. Es ging nicht um Glauben, sondern darum, Worte für das (noch oder immer) Unerklärliche in der Welt und in uns zu finden. Die Sprache zu erweitern. Einige Kollegen hier hatten Probleme auch mit dieser Seite des Wortes, mit dem aus den Naturwissenschaften kommenden Respekt vor Erkenntnis und der Grenzenüberschreitung: Natur und Mensch soll man nicht mischen. Nur gerade, wenn man sie nicht mischt, bestätigt man das Gegenteil der Behauptung, man unterstützt den Gott, den man verneinen will. Jeden Tag werden die Welten gemischt.
Die vorausgesetzte Überzeugung, dass alles, was dem Eigenen, in dem Verständnis der eigenen Sprache nicht entspricht, etwas Minderwertigeres, Altmodisches oder unendlich Fernes ist, hat mit Machterhalt zu tun, keinesfalls mit dem Wille zu Benennen. Das Problem des Titels »Heimat« eines Gedichts über die Sprache, hat mich politisch sehr sensibilisiert, weil das Gedicht ungewollt politisch wurde. Ich habe in den Jahren danach beobachten können, wie Dichter aus Osteuropa, in ihrer Sprache als große Poeten gefeiert, als altmodisch und literarisch uninteressant bewertet, sogar als touristische Attraktion oder archaisches Fossil bezeichnet wurden. Fragen, die sich aus den Entwicklungen in den osteuropäischen Literaturen ergaben, wurden hier als überwunden eingeordnet, oft negativ gefärbt und damit übersehen. Das scheint mir sehr vereinfacht. Gleichzeitig mischen heute viele deutsche Dichter englische Wörter in ihre Texte und das wird positiv gesehen, als ein Teil der Globalisierung, als gegenwärtig und modern, und nicht als ein noch zu be- wertendes Ereignis der eigenen Literaturgeschichte. Das Verhältnis zwischen Sprache und Identität wird unterschiedlich positioniert, wenn es um sich selbst und wenn es um andere geht. Und das oft ohne die Überlegung, dass die selbst gelebte Literaturrealität einfach eine andere und nicht unbedingt eine sich hervorhebende, fortgeschrittene sein könnte, dass sie auf veralteten interkulturellen bipolaren Modellen basiert. Diese (Zentrum – Provinz, West – Ost, Modernität – Tradition, Europa und/oder Amerika – der Rest der Welt usw.) sind für das systematische Erkunden der heutigen vernetzten Welt nicht ausreichend, sie sind selber kulturelle und historische Produkte einer bestimmten Kultur und Zeit. Auch sehr vereinfacht scheint mir die Einstellung in vielen osteuropäischen Ländern, Fragen, die sich aus den Entwicklungen in der deutschen Geschichte und Literatur ergeben, als nur deutsch, für andere künstlich und wenig bedeutend, einzuschätzen. Dort ist eine andere Sensibilisierung für das Gedächtnis der Wörter vorhanden. In einer Sprache, in der das Wort »Erinnerungskultur« keine Entsprechung findet, braucht man viele andere Metagespräche, um eine intensive Diskussion über »verbotene Worte« weiterhin führen zu können. Hilfreich auf beiden Seiten ist die neue Fokussierung des interkulturellen Interesses auf kulturelle Räume (die national und privat, geografisch lokalisiert oder nicht, temporär oder kontinuierlich usw. sein können), in denen Ideen reisen, Netzwerke und Autoritäten aufgebaut werden, Resistenzen und Missverständnisse stattfinden, neue Strategien entwickelt werden.

Lebhafter und aufregender wird Europa, wenn es als Ganzes betrachtet wird, neues Potential und neue Erwartungen werden geweckt, die neuen Peripherien bringen Schwung, Lebenslust, Zukunftsdrang, neue Sichtweisen, zumindest andere. (Ob ich mit dem Wort »Zukunft« – ja, die helle Zukunft aus dem Ort und der Zeit meiner Geburt, das mich immer wieder in Depressionen stürzen kann, je versöhnt werde?) Poeten in den Peripherien können, was in Deutschland manchmal vermisst wird, atavistischer, ursprünglicher, weniger konstruiert von Erfahrungen erzählen. Ein gegenwärtiger Dichter aus Osteuropa kann kaum archaisch sein und wer das behauptet, ist arrogant, faul und feige – er will sein Wissen nicht erweitern, scheut Auseinandersetzungen, zielt auf Machterhalt seiner Paradigmen und verneint Kommunikation. Er will die Westerweiterungsprozesse der Osterweiterung der EU nicht wahr haben oder versucht sie zu bremsen – das Unmögliche. Sie werden ihn überfallen. Und er wird der Welt über Europa hinaus gar nicht begegnen können. Denn Grenzen und Grenzenfallen haben mit dem Wort »Gott« genau wie mit dem Wort »Heimat« zu tun, mit der Geschichte, und keiner ist frei von Geschichte. Und meine Geschichte ist nicht deine Geschichte, deswegen ist sie nicht weniger wichtig für uns. Und Vertreibung oder das Verbannt Sein kann man nicht durch das Wort »Entwurzelung« ersetzen. Man kann die Worte meiden, sie verschwinden nicht.

»... meine Sprache und ich ...«

In der Sprache, in der ich aufgewachsen bin, hatten Wörter, die mit Geschichte, Glaube oder Ursprung verbunden waren, am meisten mit der Sprache zu tun. Zuallererst war Gott ein Grund für die Sprache – das kyrillische Alphabet wurde 855 geschaffen, um das Christentum von Konstantinopel nach Bulgarien und weiter unter den Slawen zu verbreiten. Gott wurde noch mehr Sprache und Identität, als die Türken fünf Jahrhunderte über die Bulgaren herrschten. Erst in der Zeit, in der alle Kirchen zerstört waren und keine gebaut wurden. Danach, als die Kirchen, die man bauen durfte, nur sehr niedrig sein durften. Man baute unterirdische oder kleine Kirchen etwas über Menschenhöhe, beinahe ohne Fenster, mit bemalten Wänden, voll mit einer Welt, die real war, aber nur in der Erinnerung. Und dann viel später in den versteckten Klöstern. Die Erfinder des Alphabets, die Gründer der ersten Schulen der Schrift, die ersten Schriftsteller waren die Heiligen auf den Ikonen. Man betete allein, eine Ikone in einer Ecke seiner Stube, ein paar Blumen darunter, man betete in sich selbst. Es war verboten zu glauben. Im 20. Jahrhundert blieb das Verbot. Ich muss an den Heiligen Abend, der bei uns »Бъдни вечер« (badni vetscher) »Abend der Wachsamkeit, des Werdens, des Seins« heißt und in der Zeit des realen Sozialismus (oder sollen wir es bei Kommunismus als Wort belassen) größere metaphorische Bedeutung hatte als der Heilige Abend hier. Es war so, dass der 25. 12. in meiner Kindheit in Bulgarien ein Arbeitstag war, aber kein normaler, denn an dem Tag hatten wir Klassenarbeiten und Prüfungen, wichtige Besprechungen und Termine usw., alles, was verhindern könnte, dass man am 24.12. abends länger aufblieb. Es wurde auch beobachtet, dass man sich nicht versammelt, und es war eine Odyssee, wie jeder von unserer Familie zu meiner Großmutter finden sollte – unterschiedliche Wege und Zeiten, unauffällig. Schon das war ein Grund für mich, fasziniert zu sein, Gott war ein Geheimnis und ein Verbot. Mit dem Verbot hatten die Bulgaren viel Erfahrung in der Geschichte des herrschenden Islam. Sie haben Erinnerungen im Körper gespeichert, wie man sich anpasst, um zu überleben, und gleichzeitig Identität und Würde bewahrt. Das war Gott. Der war Heimat. Auch Schrift. Und das Ganze war Sprache. Sie wussten, wie damit umzugehen. Mit den Verboten, mit der Identität. Es gab immer einen Heiligen Abend in meiner Kindheit und es wurden nur einige Gerichte auf dem Boden serviert, und ein kleines dünnes Brot mit Glücksbringern, etwas mit Honig erwärmter Schnaps, ein Gebet für Frieden in die Richtung der Sonne gesprochen. Meine Eltern und Tanten, die Religion völlig ablehnende Menschen, die auch in ihren Berufen aufklärend dagegen wirkten, mein Großvater, der den christlichen Gott als Vorstellung albern fand und gerne nur griechische Sagen und Götter zitierte, wir Kinder, die Gott als Geschichte von der Schule kannten, sehr marxistisch als historische Rolle erklärt bekommen haben und an der grausamen Bibel nicht einmal als Märchen Interesse hatten, alle saßen da bei den Gerichten. Oma trug Gott in irgendeiner Weise in sich, die Tradition, den Frieden, die innere Ruhe, die Zukunft. Großmutter war Gott. Gott war Ursprung, niemals Religion, niemals Kirche, auch nicht Glaube. Nicht zufällig war unsere Familie bei der Vertreibung der islamischen Bevölkerung in den 80er Jahren massiv verstört. Gott hatte bei uns keine Farbe. Die Nachbarin, die Kaffeesatz lesen konnte – dieser wunderbare Ersatz der Psychotherapie –, sie zeichnete mit dem Daumen sowohl das Kreuz als auch den Halbmond auf die Tasse bevor sie anfing. Das war der Balkan. Der Balkan definiert Gott anders. Anders, nicht altmodischer, nicht minderwertiger, nicht un- verständlicher. Gott ist in Bulgarien kein Machtmechanismus der Stärkeren gewesen, eher ein Bewahrungsmechanismus der Schwächeren. Das Stadtzentrum von Sofia befindet sich in einem Viereck, gezeichnet von einer christlich-orthodoxen Kathedrale, einer katholischen
Kirche, einer Synagoge und einer Moschee. So sehen die neuen Peripherien aus. Und da sich das Schicksal Europas zum großen Teil dort entscheidet, ist das Wort »Gott« wichtig. Benutze ich das Wort Gott bewusst, und was meine ich damit im Gedicht? Ich benutze es wahrscheinlich als die erste Zelle der Sprache in mir.

»... die Sprache deines Landes ...«

Das Gedicht und seine Geschichte haben allerdings mehr mit anderen Wörtern zu tun, solchen, die Identität, Herkunft und Sprache benennen. Es erschien 1992 auf bulgarisch und auf englisch, wurde auf griechisch übersetzt und gelesen, hat dem Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky, als ich an seiner Masterclass teilnahm und das Gedicht ins Englische über- setzte, gut gefallen, und ich hielt es für gut, dieses Gedicht in meiner Lesung 1996 auf der Akademie Schloss Solitude zu lesen. Ich versuchte alle Wörter in allen ihren Bedeutungen aus allen möglichen Wörterbüchern auf Deutsch zu fixieren, diskutierte mit Freunden und entschied mich für eine Version der Übersetzung, die danach praktisch kaum geändert wurde. Ich fand aber keine Worte für manche Herkunftsempfindungen und bewahrte den Titel in direkter Übersetzung. Die Kollegen, die mit mir an den Nachdichtungen für meine Lesung arbeiteten, hatten Schwierigkeiten mit dem Gedicht. »Das kann so niemals heißen«, sagten sie. Ich protestierte. Vor allem innerlich. Ich fing an, bestimmter zu reden. Diese Bestimmtheit im Ton mochte danach die Übersetzerin Gabi Tiemann, aber mit diesem Gedicht half auch sie mir wenig weiter: »Wir können den Titel nicht so lassen. Man muss sich entscheiden, ob sein Kind beim Teetrinken schlürft, oder nicht; ob man im Orient oder in Europa ist«. Langsam kam der andere Titel des Gedichts als das Natürlichere – ich fühlte mich inzwischen hier mehr gefangen als zu Hause. Aber das Wort Heimat kommt in der Sprache, in der ich aufgewachsen bin, nicht von dem Wort »дом« (dom), »zu Hause, Heim«, es kommt von dem Wort »род« (rod): Gattung, Abstammung, Verwandtschaft, Herkunft, Identität. Es ist verwandt mit Wörtern über Geburt, geboren sein, »роден« (roden). Es ist eine Bezeichnung bei dem Identifizieren z. B. von Pflanzentypen. Dieses Wort kommt immer noch in dem Gedichtvor »езиците на твоя род« (ezitzite na twoja rod): die Zungen deiner Gattung, die Sprachen deiner Geschichte, die Dialekte deiner Verwandtschaft, die Worte deiner Geburt, die vielen Sprachen, die du als Heimat, als Geborgenheit, als Identität hast. Auf Deutsch blieb es: »die Sprache deines Landes«. Ich empfinde das als ungelungen, aber auch heute habe ich keinen besseren Vorschlag. Ich meine mit Sicherheit nicht die Sprache eines Landes.
Natürlich haben viele alte Lieder in Bulgarien mit den geographischen Schönheiten und historischen Ehren des Landes, also auch mit Nation, Volk und Patriotismus zu tun. Allerdings war die Identität dieses Volkes sehr lange die eines Unterdrückten, war etwas Tragisches, mit Unsicherheiten und Träumen verbunden. Seine einzige Unabhängigkeit war die Sprache. Natürlich ist es auch in Bulgarien nach Stalin und Hitler problematisch, Herkunftswörter zu benutzen. Natürlich bewegt sich die bulgarische Sprache in der Weltgeschichte und nicht nur in seiner eigenen. Seine eigene Geschichte bewirkt nur, dass die Belastungen der Wörter, die mit Skepsis und Ablehnung als Begriffe in der Weltgeschichte in Frage gestellt werden, anders sind. Auch im Bulgarischen hat sich die Literatur der Postmoderne von bestimmten Begriffen abgewendet, die sie gerne in der klassischen Moderne zurücklassen will. Es ist mir bewusst. Bewusst benutze ich aber auch diese Wörter in dem Gedicht. Ich habe immer Fern- und nicht Heimweh, gehe nicht in die Kirche und bin sehr positivistisch in der heutigen Medizindiskussion über seelische Ursachen der Gesundheit; und ich trage die Skepsis gegenüber vielen Begriffen mit. Aber als ich 1989 in Kanada lebte und sich in Bulgarien das Ende einer totalitären Zeit abzeichnete, dachte ich, wenn es doch Zukunft gäbe, Wahl, Arbeit, Freundschaft, Weg, Demokratie, Erinnerung ... alles in meiner Kindheit missbrauchte Wörter. So schrieb ich in »Reise nach Westen«: »Die Geschichte sitzt am Tisch meiner Eltern, trinkt Tee mit ihnen. In Bulgarien gewinnen die Wörter vielleicht ihre alten Bedeutungen«. Die deutsche Übersetzerin sagte, wenn »wieder« fehlt, wenn das Verb »gewonnen« und nicht »wieder gewonnen« ist, wäre es klar, dass es nicht um Wortrehabilitation geht. Ich bin mir heute nicht sicher. Im Bulgarischen meine ich, dass sich die entstandene Leere der missbrauchten Wörter durch Bemühungen und

Offenheit füllt, einen Sinn erhält, sei es eine neue oder eine Urbedeutung, dass ihr Inhalt bereichert wird. Das benutzte bulgarische Verb beinhaltet »gewinnen« im Sinne von Kohle oder Gold gewinnen, auch Erfahrung gewinnen, oder etwas Neues, notwendig und wertvoll, für zu Hause besorgen. »In Bulgarien gewinnen die Wörter vielleicht Sinn«, heißt es direkt übersetzt. Oder sollen die leeren Hüllen austrocknen und verschwinden? Was passiert mit diesen Hüllen? Was passiert mit den Schatten der Wörter, mit deren Erinnerungsspuren? Durch Homeland Security und den Irakkrieg bekam auf English home, home, sweet home sicher eine andere Farbe. Das Wort »Terrorist« hat momentan ein Gewicht, das kaum auszuhalten ist. Gleichzeitig wurde das Wort »Heimat« auf einmal sehr populär in Deutschland. »Begabung« und »Elite« sind beliebte Wörter, wenn man Qualitätsmerkmale deutscher Universitäten heute bewertet und keiner erinnert sich daran, dass sie vor kurzem noch »verbotene Worte« waren (s. Semiotiktabuforschung des Viadrina Professors H. Schröder).
Wie entstehen die neuen Narben auf den Schatten der Worte? Wie unterscheidet sich die Grenzsetzung in den unterschiedlichen Sprachen?

»... nach der Dunkelheit der Tiefen ...«

»Род« (rod) drückt Gefühle über Grenzen und Grenzenüberschreiten oder -bewahren aus. »Heimat«, dieses Wort, das ich damals laut den Kollegen keinesfalls benutzen durfte, ist jetzt in Deutschland beinahe modisch geworden. Es hat den Kitsch und die Zerknirschung, die es trug, als ich hierher kam, vereint. Eine Frage ist für mich doch geblieben: was be- nutzt man auf Deutsch heute, um sich abzugrenzen? »Heimat« sicher nicht mehr. Aber Abgrenzen tut der deutsche Bürger, der deutsche Politiker, der deutsche Schriftsteller schon. Ein kräftiges Abgrenzen subtiler und oft sehr verworrener Art, widersprüchlich (denn er darf es nicht, aber er muss es tun), ohne Maß. (Und das ist nicht ungefährlich.) In den vielen wunderbaren deutschsprachigen Aufsätzen und Büchern, Diskursen und Filmen über diesen Begriff, die ich in den letzten Jahren las und schaute, fand ich Gedanken und Sätze, die mir sehr nahe waren, oder aber mich zum Nachdenken brachten. Eine Eigenschaft dieses (W)Ortes Heimat ist für mich wie es damals war, geblieben. Max Frisch benennt sie 1974 in seiner Rede zur Verleihung des Schillerpreises »Die Schweiz als Heimat?«, als er den Unterschied zwischen dem Hauptbahnhof der Stadt, in der er geboren wurde und allen anderen Bahnhöfen der Welt anspricht: »Hier kam man nicht zum ersten Mal an, hier fuhr man zum ersten Mal weg.« Zum ersten Mal weggehen, Aufbrechen. »Auf der Suche nach einem eigenen Heimatbegriff«, schrieb die Stuttgarter Zeitung über mich als ich auf Solitude war und die Auseinandersetzung über mein und mit meinem Gedicht stärker wurde. Wenn man die Sprache als Heimat begreift, wie ich in diesem Gedicht, und noch dazu keine bestimmte Sprache, dann ist es wahr. Sprache hat viel mit Grenzen zu tun. Sprachen haben auch eine besondere Eigenschaft: Einerseits kennen sie keine Grenzen, sind grenzenlos, sowohl in dem Suchen zum Benennen, als auch, weil sie fließend ineinander übergehen; anderseits können sie gerade Grenzen setzen, schaffen. Die Sprache ist einerseits Identität, anderseits – und gerade deswegen – ist sie ein häufiges Symbol des Nationalismus, kann gegen ein interkulturelles Miteinander instrumentalisiert werden. Ich hatte damals für ein Gedicht über die Sprache den Titel »Heimat« gewählt. Ich bin von meinem Zuhause und meiner Sprache bewusst und mir dessen sicher fort gegangen, ich wollte in mir selbst zu Hause sein. Ganz treu dem Gedanken Wim Wenders’, den ich später erfuhr und liebte: »nicht zu Hause zu sein bedeutet, mehr zu Hause zu sein als irgendwo sonst. ... Identität heißt, dass man keine Heimat braucht«, Bewusstsein für alles haben. Sprache, Heimat, Identität. Es hat mich sehr beschäftigt. Es hat als Beginn meiner besten Freundschaften in diesem Land gedient: die einen sagten »Es geht nicht, das darf man nicht machen!«, und überlegten danach doch und ich auch, die anderen sagten: »Mach es. Ich verstehe, ich mag es. Mindestens Du darfst es«; aber ihr folgendes »aber« brachte mich zum Überlegen. So wurde ein intensives Gespräch über »Verbotene Worte« und interkulturelle Kommunikation und Übersetzung initiiert. Verabschiedete Worte sind nahe den tabuisierten Wörtern. Sie zu benutzen, beinhaltet Risiko und Innovation. Dabei sollen wir natürlich nicht in verwirrende Diskussionsformationen geraten, wenn von Tabubrüchen und Tabuschranken gesprochen wird (siehe: Jürgen Habermas: Tabuschranken, 2002). Tabus sind wichtig, über sie zu reden ist wichtig.

Ich denke, wenn man Worte meidet, meidet man das Kranke in ihnen, verurteilt man ihre Bedeutungen endgültig, und etwas läuft falsch. Kommunikationsverbote lehne ich grundsätzlich ab. Politisch missbrauchte Wörter interessieren mich literarisch sehr. Der Leser braucht das Benennen. Es hilft dem Leser nicht weiter, wenn Autoren so schreiben, dass nur die Kollegen sie lesen, denn Poesie sollte, meine ich mindestens, keine Sprache von Spezialisten, wie Mathematik als Sprache der Naturwissenschaften, werden. Andererseits passt es der Kultur in diesem Land wenig, wenn literarische Mitte wie in der englisch sprechenden Welt gesucht wird, es verdreht die Traditionen hier, ohne die Leser wirklich ein- zubeziehen und weiter zu führen. Die Sprache ist in Deutschland ein hoch aktuelles Thema, das in jüngster Zeit immer wieder im Mittelpunkt brisanter Debatten stand, wie etwa die Diskussion um eine deutsche Leitkultur oder um die Sprache der exophonischen deutschen AutorInnen. Über die Sprache polarisieren wir uns: Political Correctness wird von den einen lustvoll missachtet, die anderen halten verkrampft daran fest. Es ist kein Zufall, dass die sprachlichen Auseinandersetzungen in Europa immer wieder an die Vergangenheitsbewältigungsprozesse der unterschiedlichen Länder stoßen. Gleichzeitig bemerkt man in den gesellschaftlichen Diskussionen immer deutlicher, dass unsere Generation in Europa nicht nur die Last der Nazi-Zeit und der kommunistischen Regime, sondern auch die Last der 68er Generation bearbeiten will, dass auch »Anything Goes« eine wohl zu extreme Position war. Das gilt auch für die Erfahrungen mit dem Islam und die Globalisierungsprozesse. Die Themen der Vergangenheit sind bei den jungen Autoren in Deutschland virulent; der Osten ist jetzt schneller und in seiner ganzen Breite erlebbar, er existiert nicht nur in den Erzählungen der Großeltern. Dieser Osten erzählt die Geschichte etwas anders, hat andere Prioritäten, stellt anderes in Frage, ob es dabei um totalitäre Strukturen geht, um die Berechtigung der Mittel, um Diktaturen zu bekämpfen usw. Es kommt aus dem Osten bzw. aus dem Westen bei dem Zusammenkommen in der EU sehr oft nicht das, was im Westen bzw. im Osten erwartet wird, es kommt etwas, was man zunächst nicht erkennt. Die Mischung dieser Ströme hat Potential. Jede der Kulturen bringt lang gelebte und sehr verinnerlichte Erfolge und Versagen von Visionen.
Der Sprachgebrauch wird weltweit auch weiterhin durch die Auseinandersetzung über »Political Correctness« geprägt. Sie entstand aus dem Wunsch nach Gleichberechtigung verschiedener Standpunkte und dem Wunsch, etwas der Benachteiligung von Menschen durch den Sprachgebrauch entgegenzusetzen. Aber wird sie auch selbst nicht missbraucht?
Ist es wirklich richtiger »interracial« zu sagen als »Mulatto«? Und was für eine politisch korrekte Handlung ist es, gegenwärtige Romane von »interracial« AutorInnen als »Afro-American Literature« in einem Buchladen einzuordnen statt in der Abteilung »Fiction«?
Bin ich »innerracial«, weil meine Eltern der gleichen Rasse gehören? Ist ein »Kokusaijidô« (aus dem Japanischen: internationales Kind) kein »Ainoko« (Mischlingskind zwischen einer Japanerin und einem Nicht-Japaner) mehr? Ist mein Kind, das in einer internationalen Beziehung zwischen einem Deutschen und einer Bulgarin geboren ist, ein »Kokusaijidô« oder nicht?
Wenn ich heute über mein Gedicht nachdenke, denke ich viel über unseren Umgang mit der Sprache, alten Missbrauch und neue Tabus, über die unterschiedlichen Sprachtraditionen, über Literaturverständnis, über die Erfahrungen von Grenzübertragung und Veränderung von Worten, aber auch über den Sprachverbrauch insgesamt nach. Das Wortumgehen bei der Übersetzung eines Gedichts, das Nichtfinden von Worten wurde eine Art Ausspracheverbot, blieb irgendwo stecken, wurde Kultur-, Menschen-, Sich-Umgehen. Es geht mir um den Verlust von Pathos nicht als Rhetorik, sondern als Leidenschaft, wenn etwas so stark verletzt, dass es zum Nachdenken bringt und nach Veränderung verlangt. Ich musste deutscher als die Deutschen werden, wie meine Mutter es bezeichnete – da ich nicht in Deutschland sozialisiert wurde, musste ich zuerst für mich das »Loch, das man gleichermaßen ausfüllen und verdecken wollte« (Wim Wenders) in der Kultur des Landes, in dem ich gelandet war, erforschen. »Ich glaube«, sagt Wenders, »außer uns hat kein anderes Land einen derartigen Vertrauensverlust gegenüber seinen eigenen Bildern, Geschichten und Mythen erlebt«. Ich glaubte, ein Bulgare hätte das Gleiche sagen können, aus anderen Gründen. Das alles hat mich sehr interessiert.

Bei der Premiere des Gedichtbandes Gefangen im Licht war es damals für viele Kollegen in Berlin immer noch nicht ausreichend, dass auf die direkte Übertragung vieler Wörter verzichtet wurde. Sie fanden es unglaublich schade, dass die Übersetzung die Inhalte nicht anders ausdrückt, so, dass für den deutschen Leser, wegen einiger Wörter, die alles brechen, keine Bilder zerstört werden. Es wurden viele Fragen über Herkunft, über literarische Herkunft gestellt. Das finde ich sehr wichtig. Denn ihre literarische Herkunft, die literarische Geschichte der deutschen Sprache kenne ich, mindestens ein wenig, aber sie kennen meine literarische Herkunft nicht. Die literarische Geschichte unserer Sprachen ist noch interessanter als die kulturpolitische. Unsere Herkunft als Personen, als Dichter.
Dann kam das Publikum. Und das unterscheidet sich in Deutschland oft drastisch von den Literaturkreisen. Das Publikum war auf diese Themen gierig. Entweder um sie abzulehnen oder um sich mit ihnen auseinander zu setzen. Auf jeden Fall, es brauchte und schluckte sie als warmes Brot, wie man auf Bulgarisch sagt. Auf Deutsch genießt man warmes Brot nicht, lass das Brot abkühlen, sagt man hier. So wurden das Gedicht und das kleine Buch Gefangen im Licht »gegessen«. Man braucht immer noch Konfrontation und kategorisches Denken, das Licht der Gefangenschaft und die Gefangenschaft des Lichts sind den Menschen hier auch in einem anderen Kontext bewusst. Denn das angeblich Pathetische der Worte im Gedicht hört auf, pathetisch zu sein, in dem Moment, in dem ein Bruch und anderer Zusammenhang entsteht, wenn die alten Bilder woanders hin führen, volle Transformation erreichen. Sie ist gewollt.
Lange wurde ich in Bulgarien bei Lesungen gefragt, zu welcher Literatur ich etwas beitragen wolle, wo ich einen Hafen auf meinen Reisen finde, warum ich die Unendlichkeit mehr als meine Heimat schätze. Ich bin auf das Forschen und Erzählen konzentriert, nicht auf das Beitragen, binselbst mein Hafen, und ich glaube, dass die Unendlichkeit und Bulgarien keinesfalls eine Ungleichheit bilden.
Heute redet man in Deutschland über notwendiges Pathos, über Tabus und Geschichte in literarischen Zeitschriften, das Berliner Künstlerprogramm des DAAD hat für eine ganze Reihe Literaturlesungen als Motto einen Satz von Karl Wilhelm von Humboldt »Die wahre Heimat ist eigentlich die Sprache« gewählt, Essays über Europa und Globalisierung sind besonders populär. Und ich möchte immer noch mehr darüber lernen, ob man in anderen Ländern für Gefühle, die ich mit Wörtern benenne, die dort belastet sind, andere Wörter hat, oder: Hat man die Gefühle nicht mehr? Und wenn man sie nicht mehr hat, ist etwas an ihrer Stelle entstanden oder sind sie ganz und für immer weg? Immer noch bin ich auf die Sprache anderer neugierig, immer mehr genieße ich die Mehrsprachigkeit, die Zwischensprachigkeit. Irgendwo mit den Wörtern und außerhalb einer einzigen Sprache bin ich nicht mehr gefangen, sind Begegnungen vielleicht möglich.

 

Die Gedichte, die in diesem Essay zitiert wurden, stammen aus dem Gedichtband Gefangen im Licht (Marburg an der Lahn: Biblion 1999) und aus der Ausgabe 26/27 (2007) von www.transcript-review.org unter dem Titel noch eines der verbotenen worte in der Rubrik andere (w)orte.

Tzveta Sofronieva

 

lebt nach Aufenthalten an mehreren Orten der Welt als freie Autorin überwiegend in Berlin und schreibt auf Deutsch, Bulgarisch und Englisch Gedichte, Prosa und TheatertexteLiteraturinstallationen, Essays und wissenschaftliche Artikel, veröffentlicht in mehreren Sprachen, übersetzt Poesie, initiiert und entwickelt interkulturelle Netzwerke und Herausgaben.

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