erste Deutsche Erzählung

 

in Vielfalt der Stimmen.

Hrsg. NGL, E. De Roos.

Berlin: Jovis Verlag, 1995

Diese Stadt kann auch weiß sein

Auszug

Es liegt Schnee. Es liegt Schnee und die Wiesen des Parks sind weiß, was eigentlich ein ziemlich seltener Zustand dieses Bodens und dieser Stadt ist. Weiß ist hier ein wenig bekannter Ausdruck der Natur. Auf dem Gehweg redet ein Mann sehr aufgeregt mit zwei älteren Menschen, wahrscheinlich einem Rentnerpaar, das diese sonnige Mittagsstunde für einen netten Spaziergang ausgewählt hat. Es sieht so aus, als wären sie gute Bekannte, der Mann und das Paar, meine ich, und die beiden nicken zustimmend, kaum etwas sagend, während der Mann, der offensichtlich jünger ist, wirklich sehr aufgeregt redet und redet. Es ist leider so, dass in dieser Stadt die Leute kaum laut reden, sogar wenn sie sehr aufgeregt sind, und dazu ist dieser Mann vielleicht Akademiker, die reden ja nie laut. So kann meine Neugier, worum sich dieses Gespräch drehen könnte, hier mitten im Park, wo zu dieser Zeit, mitten in der Woche nur Hundebesitzer mit ihren Lieblingen spazieren gehen, sich ab und zu gesundheitsbewusste Rentner, die ihre Einkäufe gestern schon erledigt haben, treffen, in dieser Stadt, wo Leute so selten aufgeregt reden, besonderes die gut ausgebildeten und die gepflegten, nicht befriedigt werden. Das ist eigentlich nicht wirklich enttäuschend, weil ich mich dem weißen Januartag widmen wollte und keine interessanten Leute zu sehen erwartete. 

 

Ich gehe weiter, beobachte das Spiel der Hunde, ihre Freude einander zu beschnuppern, und es tut mir fast weh, dass sie den Schnee nicht wahrnehmen, sondern nur ihre eigene Gerüche. Diese Sehnsucht der Hunde nach Kommunikation kommt mir nach einigen Jahren in dieser Stadt wirklich komisch vor, wobei ich mich eigentlich sehr freue, dass die Natur nie von der Gesellschaft lernt. Im Park sind langsam mehr und mehr ältere Leute zu sehen, die ihren Spaziergang oder die kurze Ruhe auf einer Bank genießen, man sieht ihre hell- oder dunkelgrünbraunen Mäntel, die gepflegten gelockten Haare der Damen, ihre schwarzen Taschen, …

Tzveta Sofronieva

 

lebt nach Aufenthalten an mehreren Orten der Welt als freie Autorin überwiegend in Berlin und schreibt auf Deutsch, Bulgarisch und Englisch Gedichte, Prosa und TheatertexteLiteraturinstallationen, Essays und wissenschaftliche Artikel, veröffentlicht in mehreren Sprachen, übersetzt Poesie, initiiert und entwickelt interkulturelle Netzwerke und Herausgaben.

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