Erzählung

 

Tulpek ege allatt, Budapest, 1998

Leteratura - Lettre Internationale, Sofia, 1999

Transcript-Review Nr. 25, 2006

Frau T.

Der Himmel an diesem strahlendhellen Wintermorgen war irritierend blau und die Kälte sanftbeißend, ein seltsames Wetter für diese Stadt, die gewöhnlich am Ende des Winters mit nichts anderem prahlen kann als einem bedeckten Horizont und grauen Straßen, bedeckten Gesichtern und grauen Mänteln, und um nichts in der Welt wie eine der großen und eleganten Metropolen aussieht, die sie eigentlich ist. An diesem Tag jedoch war die Stadt ihrem Wesen treu, wofür vielleicht das kalte sonnige Wetter verantwortlich war; einer jener Tage, die - wenn das Licht nicht nur auf heruntergekommene Plätze und Bilder fällt - die Schönheit großer Städte enthüllen. An einem späten Morgen eines solchen Tages und in einer solchen großen, sich selbst noch nicht kennenden Metropole, konnte ich es mir erlauben, an Frau T. zu denken.

An irgendeinem südlichen kleineren  Ort wären meine Gedanken sicher ziellos umhergewandert und hätten die Vertiefung von Frau T. in ihre Arbeit, ihre reservierte Herzlichkeit, ihre Zartheit und Anmut nicht verfolgen können. In der Mitte irgendeiner selbstsicheren und vorhersehbaren City wären sie zu übereilt, geschäftig und routiniert gewesen, um die weiche Eleganz und die unaufdringliche Intelligenz einer nicht parfümierten Dame, ihr offenes Gesicht und ihre leuchtenden Mädchenaugen zu erfassen. Diese Stadt, nicht sehr nördlich und nicht sehr im Süden, nicht sehr reich aber auch nicht provinziell, genau diese jetzt werdende, sich im Moment verwirklichende Stadt und genau dieser wintersonnige Tag waren eine hervorragende Kulisse für das Erscheinen von Frau T. Nicht etwa, dass sie in dieser Stadt zu diesem Tag gewesen wäre, aber in einer solchen Situation und unter solchen Umständen konnte ich an sie denken, etwas, was mir seit langem nicht geglückt war. 

Ich denke gern an sie. Ihre lebhaften Bewegungen, die selbst in ihrer Munterkeit etwas verzögert wirken, ihre mittellangen Haare mit häufig wechselnden Farben und Tönungen, ihre bedachten Handlungen, optimiert, zielgerichtet, ihre fast an Zynismus grenzende sterile Wohnung und ihre einfache Kost, überraschend bescheiden angesichts ihrer begeisterten Kochexperimente, ihre widersprüchliche Art, Kunst erst nach dem Besuch eines vegetarischen Restaurants oder eines Schwimmbads mit Sauna zu genießen. Anfangs erschien mir alles, was sie tat, kühl, emotionslos; dabei war mir klar, dass ich mich täusche. Ihre Augen verrieten Leidenschaft und Neugier, und wenn sie lachte, umarmte sie die Welt mit dem zärtlichsten Blick einer Frau, so dass ich nicht aufhörte, danach zu suchen, was sich hinter dem Sichtbaren bei Frau T. verbarg. Erst nach Jahren begriff ich, dass ihre Lebensweise nur dazu diente sich zu schützen, und dass sie einfach umfassende Kenntnisse darüber besaß, wie sie dies tun sollte. Sie war ein verletzbares empfindsames Wesen , das das Leben zu sehr liebte, als dass es sich leicht aufgegeben hätte. Heute, nachdem ich in meinen Gesprächen mit ihr viel über die Selbstliebe und den Egoismus der Gene, der Viren und ähnlicher Tierchen gelernt habe und nicht weniger sensibel für körperliche Beschwerden und Sorgen bin, ertappe ich mich, dass ich immer steriler und berechneter lebe.

Die Fähigkeit von Frau T., das Leben zu genießen, ohne sich den allgemein üblichen Vergnügungen hinzugeben, hat mich immer fasziniert. Sie rauchte nicht, lebte - in den Jahren, in denen ich sie kannte und oft sah - in einer monogamen Beziehung, sie schlief lange - weder stand sie sehr früh auf noch ging sie sehr spät zu Bett. Sie arbeitete viel, widmete sich den Kranken und den Studenten, schrieb und las, setzte ihre Experimente an sonnigen Nachmittagen an. An den dunklen malte sie ihre Gefühle auf große Leinwände, ihren Zustand konzentriert am Rande des Nichts bewahrend.

Ich saß in einem Café an einer der Haupteinkaufsstraßen und hatte das Gefühl, dass die Luft nicht gut war und die schlecht funktionierende Klimaanlage mir bald den Atem nehmen würde. Aber als mir der Cappuccino gebracht wurde, leicht mit Kakao bestäubt und heiß, fand ich mich mit der Luft im Café ab und suchte mit dem Blick durch die Glaswand nach einer Frau, die ihr ähnlich sah. Dieses Unterfangen war nicht leicht, aber nach einigem Üben konnte ich an den Passanten - meist Mütter mit in ihren Wägen versunkenen Kindern, kleine Ähnlichkeiten mit Frau T. entdecken, sie an einem Ort sammeln und ihr wieder alle meine Gedanken widmen. Ich weiß nicht, ob sie Kinder hatte. Ich besuchte sie stets am späten Vormittag im Labor, im Atelier oder bei ihr zu Hause im Wohnzimmer ihrer Altbauwohnung. In diesen Räumen und um diese Zeit gab es keine Anzeichen, die für die Anwesenheit eines Kindes oder das Fehlen eines solchen gesprochen hätten.  Es kam auch nicht dazu, dass wir darüber sprachen, nicht weil Frau T. persönliche Gespräche mied, eher weil sie nicht die Angewohnheit hatte, die Leute mit sich zu beschäftigen oder unpassende Themen in den Gang eines Gesprächs einzubringen. Wenn sie kein Kind gehabt hat, wird das weder wegen irgendeiner Emanzipation gewesen sein, von der Frau T. ihre eigene Meinung hatte, noch wegen einer Befürchtung über das Ende der Welt oder aus dem  Wunsch nach Bequemlichkeit. Das war mit Sicherheit die Frucht des reinen Zufalls, der Umstände, unter denen ihre Tage dahingegangen waren. Wenn sie aber Kinder hatte, so hat sie das für das natürlichste und selbstverständlichste im Leben einer Frau gehalten und nicht kommentiert. Ich weiß auch nicht, ob ihr Name von dem ihres Vaters kam, von den Vorfahren ihrer Mutter oder aus der Familie eines Ehemannes, und ob die ihn tragende Familie etwas mit dem Herrn auf dem berühmten Bild Rembrandts gemein hat. Vielleicht war der Name ein von ihr gewähltes Pseudonym, Ausdruck einer empfundenen Verwandtschaft. Es ist eigentlich ein unpassender Name für sie, zu kurz und auch, wenn man an die Assoziationen denkt, die er weckt, zu illustrativ für die Konzentration und Hartnäckigkeit, mit der sie ihre Ideen verfolgte. Sie gab nie auf. Ich könnte keine andere Eigenschaft von Frau T. nennen, die so sehr ihre wäre.

Die kontinuierliche Suche ihres Bildes in meinem Gedächtnis hat sie sicherlich  aus dem Nichts geschaffen, denn als ich den Kopf aus meinen Gedanken und aus meinem  Cappuccino hob, sah ich sie zwei Tische weiter Zeitung lesen. Wahrscheinlich war sie gerade gekommen - vor ihr stand nichts Bestelltes, eine der an einem Zeitungsspanner befestigten im Café angebotenen Zeitungen war erst am Anfang aufgeschlagen, und ihre Wangen trugen noch das frische Rot von der sonnigen Kälte draußen. Nicht nur, dass ich es nicht erwartet hatte, Frau T. in diesem Café zu dieser Zeit zu sehen, ich hatte überhaupt nicht erwartet, dass sie in dieser Stadt an diesem Tag war, und mein Erstaunen war groß, größer sogar als die Neugier, und ich blieb noch eine gewisse Zeit an meinem Tisch vor meiner leeren Tasse vom Cappuccino mit Spuren von Milchschaum und Kakao sitzen. Ich konnte weder den Kellner rufen, um zu zahlen und zu gehen, überzeugt, dass ich mich getäuscht hatte, noch konnte ich Frau T. ansprechen, zu ihrem Tisch gehen oder ihr zunicken, wenn sie den Kopf beim Durchblättern der Zeitung hob. Mein Erstaunen versuchte grade nachzulassen und anderen Gefühlen und eventuell Taten Raum zu geben, als der Kellner, wahrscheinlich auf die Bestellung hin, die die Frau aufgegeben hatte, bevor ich sie beobachtete, ein Halbliterglas mit Kristallweizen vor sie hinstellte. Dass Frau T. ein solches Getränk in so einer Menge vor dem Mittagessen trank, war so ungewöhnlich, dass ich in meiner vorherigen Haltung noch eine Weile wie erstarrt da saß. Wahrscheinlich war der Kellner auch überrascht von dem Widerspruch zwischen der Frau und dem Getränk, nicht nur wegen des Geschlechts der Besucherin und wegen der Tageszeit, sondern vor allem wegen der Jahreszeit und des für einen derartigen Einfall gewählten Cafés. Der Kellner versuchte, der Frau zu erklären, dass wenn dieses Bier ihr für diesen kalten Tag zu erfrischend schiene, zu schwer im Geschmack und so weiter, könnte er ihr auch ein Pils bringen. Zumal Weizenbier weder für diese Gegend noch für diese Stadt typisch sei und noch weniger für dieses Café. Einfacher wäre es, ihr gleich ein anderes Getränk zu bringen. Frau T. dankte ihm für die Information und löschte ihren Durst mit mehr als einem Drittel des Glases, womit sie ihn endgültig wegschickte. 

Voller Zweifel, ob das überhaupt Frau T. war, versuchte ich mich wieder in meine Gedanken zu versenken und sie mit der Erinnerung zu vergleichen. Das gelang mir kaum. Ich fragte mich, ist sie zu einer Konferenz gekommen, besucht sie Freunde, hat sie sich einfach zurückgezogen, macht sie eine Ausstellung, oder ist sie vielleicht in diese Stadt gezogen. Dann  - weil nichts passierte, traute ich mich nicht, von meinem Platz aufzustehen, um das Café zu verlassen oder zu ihr zu gehen und sie zu begrüßen, und an ihren Tisch kam auch niemand und sie hob die Augen nicht von der Zeitung - schaffte ich es, meine Gedanken auf einen Morgen bei Frau T. vor langer Zeit zu lenken. Mein Kommen unterbrach damals eine solche Zeitungslektüre. Frau T. lud mich zu einer Tasse nicht allzu starken schwarzen Tees und zeigte mir die verstreuten Seiten. Sie sprach lange zu mir, wobei sie mir immer schwachen schwarzen Tee aus einer rosafarbenen Teekanne in Form eines Schweins nachschenkte, die wohl eher gute Laune als Glück bringen sollte, und sich selbst etwas Orangensaft in die Tasse goss. Sie beschäftigten die Beziehungen zwischen Doppelgängern, geklonten Lebewesen, Zwillingen aus tiefgefrorenen Embryos, geboren mit so und soviel Jahren Unterschied, dem Ozonloch, Kühlschränken, Chemie-Firmen, den meteorologischen Prognosen, kosmetischen Cremes, dem Schmelzen der Polkappen, dem Astigmatismus der Künstler, den immunologischen Labors, den Strafverfahren gegen experimentierende Ärzte, den Verteidigern des Lebens, dem Forschungsbudget irgendeiner Universität, Lungenentzündungen, Aids, Kindergärten, politischen Wahlen und Regimes, der Moral des Präsidenten, dem Krieg, den anderen Kriegen, dem Geldtransfer und weiteren Revolutionen und Liebesaffären. Sie nannte oft irgendwelche exotisch und unzusammenhängend klingende Namen von Wissenschaftlern aus allen Kontinenten, die sich daran gemacht hatten, in die Netze dieser Welt einzudringen. (Latour, einer der Namen, war für mich nur die Bezeichnung eines Chateau in Frankreich und seines Weines). Sie erinnerte mich an eine leicht berauschte Abiturientin auf ihrem Abschluss-Ball. Als sie noch einmal nicht allzu starken schwarzen Tee machte, kam aus ihrer Zeitung eine kleine Spinne und lief über den Marmortisch. Wahrscheinlich von einem Blumentopf in einen anderen.

Frau T. hatte viele Blumen, genauer Pflanzen mit breiten tiefgrünen Blättern, die sie mit einer Kupfergießkanne mit langem Schnabel begoss. Ihre Blumentöpfe waren schneeweiß und am oberen Rand nach außen geschwungen. Sie bewohnten normalerweise die Räume zwischen den Glasvitrinen für Gläser und Bücher und den Luftreinigern und Raumbefeuchtern. Ihre Zweige hatten frische Triebe, sie mochten das Licht, das sie von allen Seiten umflutete. Es ließ wandelnde Schatten auf das Parkett werfen. Die Sonne schien zu jeder Tageszeit durch eines der vielen, von Gardinen und Jalousien befreiten Fenster in Frau T.’s Wohnung. An ihren Strahlen hangelten sich manchmal die kleinen krebsartigen Spinnen entlang, sie verschwanden in den Schatten der Pflanzen, vielleicht kletterten sie an ihnen hoch, lasen in den Zeitungen von gestern neben den Blumentöpfen und von Zeit zu Zeit in denen von heute auf dem Tisch, sie reihten sich in die weltumspannenden Netze aus Hybriden, Cyborgs und Zwischenzuständen ein, über die dort geschrieben wurde. Obwohl Sie keine anderen Tiere zu Hause hielt und einen großen Teil ihrer Forschungen den Problemen der Krebserkrankungen gewidmet hatte, zerstörte Frau T. vielleicht genau aus diesen zwei Gründen die Idylle zwischen den krebsartigen Wesen und den Tagesnachrichten nicht. Sie gehörten sich gegenseitig, und die Beziehung zwischen ihren Netzen war selbstverständlich.

Das brachte mich darauf nachzusehen, ob aus ihrer Zeitung im Café so eine Spinne herausgekrabbelt war. Es erinnerte mich an die vielen Fragen, die ich an sie hatte und daran, daß ich sie endlich stellen wollte und  einfach an ihren Tisch gehen musste. Entschlossen stand ich auf. Ich sah niemanden. Ich sah kein leeres Bierglas auf besagtem Tisch, nicht einmal einen Fleck davon. Ich sah keine Frau T. an irgendeinem Tisch im Café. Und obwohl mir das ganz natürlich erschien - was konnte sie hier um diese Zeit suchen, und obwohl es mich irgendwie beruhigte, als ich dachte, dass sie eine Erscheinung gewesen war (andererseits hätte ich mich über sie gefreut, wenn ich sie wirklich gesehen hätte), bestellte ich mir einen kleinen Cognac. Überraschend schnell kam der Kellner mit dem Cognac. Während er ihn mir servierte, bemerkte er, dass es doch schön sei, sich zu wärmen, bevor man in die sonnentäuschende Kälte gehe, und nicht wie einige Gäste des Cafés, die die Jahreszeiten und Getränke durcheinander brachten und sich eiskaltes Weizenbier in einem Halbliterglas auf nüchternen Magen bestellten. Ich mag plaudernde Kellner, die vor Sonnenaufgang üppig frühstücken, nicht besonders. Schnell trank ich aus und zahlte, murmelte, dass der Cognac gegen die stickige Luft in dem ungelüfteten Café gewesen sei, und ging hinaus, um einen Schluck Luft von dem klaren und kalten Himmel zu atmen. 

Die Mittagszeit ging zu Ende, und immer mehr Passanten füllten die Straßen der Stadt.

Tzveta Sofronieva

 

lebt nach Aufenthalten an mehreren Orten der Welt als freie Autorin überwiegend in Berlin und schreibt auf Deutsch, Bulgarisch und Englisch Gedichte, Prosa und TheatertexteLiteraturinstallationen, Essays und wissenschaftliche Artikel, veröffentlicht in mehreren Sprachen, übersetzt Poesie, initiiert und entwickelt interkulturelle Netzwerke und Herausgaben.

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