6

Das Kind und die Geliebte, die uralte Freundschaft,

ein Löffel aus Horn und eine Seife au miel, der Turm von Eiffel,

die alte Eiche neben dem Alten Palais konkurriert um Höhe,

das Rindestück dieser Eiche in den Händen des Kindes, kreideweiß,

sie werfen die Rinde ins Wasser auf der schönsten Brücke, schauen ihr nach.

Die Städte, gebaut auf einem Fluss, sind voller Brücken

und sind schöner und zerbrechlicher als alle anderen Städte.

Räume, in denen das eigene bereits verlassen

und das Andere noch nicht betreten ist.

Und diese einander umarmenden und streichelnden Laute

der Sprache, die der Poet gewählt hat,

und wie sie Kolliers von Worten bilden, für die Dichtung und das Kind.


Das Kind wird andere Sprachen kennen lernen.

Der Poesie bleibt eine Zunge.

Die Zunge liebt zu tun, was immer sie für richtig hält.

~

3

Ja, ich brauche die alten Männer, den alten noch unbenutzten Frieden brauche ich,

schrieb ich der Kollegin, die über Schopenhauer empört war.

Noch mehr brauche ich ihre Mythen um sich selbst.

Ohne Hemingway hätte ich keine Anweisungen zum Schwimmen

und wäre sicher längst in meinem Meer ertrunken, nicht nur in seinem.

Ich kam nach Saint Germain einen Freund zu treffen, wollte keine Erinnerungen jagen.

Jean-Paul trank den Rum aus, nein, nicht Sartre, ein anderer,

schließlich sind wir in einer anderen Epoche.

Die Epoche der alten Frauen, in der sogar Paris mich nicht zu verjüngen wagt,

denn es ist am ehrlichsten hundert Jahre alt zu sein, völlig ausgeblichen.

Nur das Dekolleté des Papiers soll verführen.

~

1

Die Blume ist eine böse Mutter, überlässt sich dem Wind und den Vögeln

und aus den Samen der Pollen wachsen ihre Kinder, selber Blumen.

Die Blume ist böse mit den Kindern aus Angst vor einer Wiederholung.

Trügerische Freiheit des Pollenflugs im Wind,

erträumtes Lied des Samenflugs im Schnabel,

doch am Ende wird alles in dieser Stadt nur von dem Fluss getragen.

Die Blume Notre Dames, das Wasser der Seine.

1

La fleur est une marâtre qui s’abandonne aux oiseaux et au vent,

et des graines après le pollen naissent ses enfants – fleurs également.

La fleur est une marâtre avec ses enfants – par crainte de la répétition

de l’abandon, du jeu entre les oiseaux et le vent.

Liberté apparente du pollen volant au vent, chant

rêvé des graines voltigeant dans le bec des oiseaux.

Dans cette ville finalement tout est porté par le fleuve.

La fleur de Notre-Dame, l’eau de la Seine.

Merci, Paris

erschienen in Manuskripte, Heft 178. Graz: 2007

Gedichtzyklus vom Januar 2006,

Tzveta Sofronieva

 

lebt nach Aufenthalten an mehreren Orten der Welt als freie Autorin überwiegend in Berlin und schreibt auf Deutsch, Bulgarisch und Englisch Gedichte, Prosa und TheatertexteLiteraturinstallationen, Essays und wissenschaftliche Artikel, veröffentlicht in mehreren Sprachen, übersetzt Poesie, initiiert und entwickelt interkulturelle Netzwerke und Herausgaben.

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4

Paris, ich war verliebt,

bevor ich dich zum ersten Mal betrat, hatte ich dich betrogen,

die Kühle einer anderen Stadt liebgewonnen und ihre stille Kraft,

von der Welt des Schweigens und den strengen Regeln angezogen.

Du hast mich laut empfangen, glitzernd, bunt und schmutzig, reicher...

In der Liebe warst du immer unbegreiflich.

Die Spitze jenes bekannten Turms war ein Messer auf die Sonne gerichtet,

stach, die Sonne verströmte, ich begehrte dich,

sie begehrt dich immer noch.

Rendezvous mit dem Herbst. Mit deinem, dachte ich damals und ging fort.

Ah, Paris, wie viele haben sich schon geirrt,

dass du nur Vergangenheit versprichst?

Und jetzt ist es Winter viele Jahre danach.

Wie soll ich einen alten Liebhaber treffen,

dem ich bis zur Gehirndämmerung fremdgegangen bin?

~