Herausgeber: D. Tomaschevic, B. Pöltzl, R. Reuthofer 

Graz: Leykam Verlag, 2006

Klappentext des Buches:

Wenn vom Balkan die Rede ist, so stellt sich nach Maria Todorova die Frage, wie aus einem geographischen Begriff eine der schlagkräftigsten und herabwürdigendsten Bezeichnungen werden konnte. Entsprechend sind die Literaturen Südosteuropas nach wie vor aus verschiedenen Gründen viel zu wenig bekannt und zudem nicht selten marginalisiert. Gleichwohl ist, so Tzveta Sofronieva, eine anstehende Entdeckung der Literaturen der (süd)osteuropäischen Peripherie zu konstatieren, die „einerseits das Zentrum in Frage stellen und damit seine Entwicklung fördern und anderseits die Verbindung zu den Denkweisen außereuropäischer Kulturen erleichtern. Interkulturelle Begegnungen, vor allem die Bekanntschaft mit den Sprachen und der Literatur anderer macht die Differenzen und die Ähnlichkeiten der Sichtweisen der Menschen besser begreifbar, sensibler beobachtbar und – besonders wichtig – emotional erfahrbar.“ In diesem Kontext stellt Frauen schreiben Positionen von Schriftstellerinnen aus verschiedenen südosteuropäischen Ländern vor, denen bei aller individueller Unterschiedlichkeit der selbstbewusste und lange Atem von Langstreckenläuferinnen (Magda Cârneci) gemeinsam ist.

Die (p)ostmodernen (F)rauen Stimmen?

Frauen schreiben. Entweder dienen sie dabei traditionell dem Mythologisieren des Weiblichen (immer weniger), oder sie schreiben „menschlich“, als ob Körper und Seelen kein Geschlecht hätten, oder aber sie repräsentieren eine Suche danach, wer sie sind und wie sie die Welt sehen, oder sie schreiben, ohne das alles zu überlegen oder thematisieren. Oft vermeiden die Autorinnen in den Vordergrund zu rücken, dass sie Frauen sind, denn auch feministische Positionen wurden missbraucht. Sowohl die Literatur selbst als auch die Rolle der Frauen wurden in MOE nach der Wende marginalisiert. In Bulgarien z.B. wurde die feministische  Tradition anfangs als eine lesbische und weiblich-pornographische Richtung gesehen, die in der Kultur eine Randposition hatte und oft mit (Ab)Scheu betrachtet wurde. Ernste Versuche, diese diskriminierende Einstellung zu überwinden und feministische Blicke auf die Literatur im Lande zu werfen, führten im Jahr 2000 zu Skandalen in den Feuilletons. Frauenköpfe verhüllt man in MOE nicht mit einem Schleier, Frauenblicke aber gern. Neben den gekreuzten Säbel ehemaliger Generalen auf der Plakaten für Bürgermeisterwahlen in Sofia in diesem Winter kreuzen Schenkel Frauen, die als Körper und nicht als Köpfe vermarktet werden. Ich habe selbst erlebt, wie Männer im Literaturbetrieb poetische Diskussionen zwischen einer Autorin  und einem Kollegen verbiegen mögen: Entweder wird die Dichterin als Geliebte „erkannt“ oder als  „nur eine unbedeutende Bekannte“ bezeichnet. Das sind natürlich die beiden Enden einer Aussage: Eine Dichterin kann wohl nicht neben einem Dichter gleich stehen. Solange sie lebt mindestens. Meine literarische Auseinandersetzungen mit Dichtern wurden nur von Kolleginnen oder von den feministischschreibenden Kollegen literaturkritisch ernst genommen. Wenn ich über Frauenpositionen rede, schließe ich mich gerne der Definition von Evelyn Fox Keller an: Alle Standpunkte, die sich vom Denken der westeuropäischen, englischsprechenden, männlichen, bourgeoisen, protestantischen, auf die politische Machtaufteilung im 19. Jahrhundert sich stützenden, weißhäutigen Menschen unterscheiden, nenne ich Frauenpositionen. 

Der Begriff Ostmoderne ist genauso fragwürdig wie der des Frauenschreibens. Klar, die Postmoderne in Osteuropa ist anfangs eine andere gewesen, denn alles mischte sich nach der Wende dort, sowohl Nachgeholte aus der Literaturgeschichte des Westens in den Jahren des kalten Krieges als auch Gegenwärtige aus dem Westen, als auch eigene Präferenzen. Aber die Idee, dass die Postmoderne in Osteuropa keine Postmoderne sei, ist zu gewagt. Die beinhaltet eine längst veralterte  Dichotomie: Zentrum - Peripherie, Ost – West, Europa – Rest der Welt, eine bipolare Vorstellung, die Minderwertigkeit der einer Seite voraussetzt, und vor allem – die eine Seite als unaktiv sieht. Das gerade in Europa heute zu behaupten belustigt, denn es ist ja offensichtlich, dass gerade die sogenannten Peripherien in der EU für viel Turbulenz und Bewegung sorgen, dass sich an Europas Grenzen das Schicksal Europas (und nicht nur Europas) entscheidet und nicht in Brüssel. Auch literarisch. 

Es gibt keine ostmoderne Frauenstimmen, entweder gibt es eine Stimme oder es gibt sie nicht, entweder ist sie gegenwärtig oder nicht, entweder ist sie hörbar oder nicht. Und es hängt allein von den Lesern ab, ob sie diese Stimme wahrnehmen wollen, ob sie eine neue Begegnung mit dem Schreiben anderer wollen. Und es ist schön, wenn sie es wollen, denn die Begegnungen mit der Literatur anderer macht die Differenzen und die Ähnlichkeiten in den Sichtweisen der Menschen aus den unterschiedlichen Kulturen besser begreifbar, sensibler beobachtbar und -  besonders wichtig - emotional erfahrbar. 

 

 (Auszug aus der gleichnamigen Essay in: „Frauen schreiben. Positionen aus Südosteuropa“, Leykam Verlag, Graz, 2006, © Tzveta Sofronieva, 2005)

Tzveta Sofronieva

 

lebt nach Aufenthalten an mehreren Orten der Welt als freie Autorin überwiegend in Berlin und schreibt auf Deutsch, Bulgarisch und Englisch Gedichte, Prosa und TheatertexteLiteraturinstallationen, Essays und wissenschaftliche Artikel, veröffentlicht in mehreren Sprachen, übersetzt Poesie, initiiert und entwickelt interkulturelle Netzwerke und Herausgaben.

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