Erzählung

in Jahrbuch 3

Stuttgart: Edition Solitude, 1996

sowie in Esslinger Zeitung, 1.9.1996

Reise in die Einsamkeit

Meine Reise war seltsam, so seltsam, wie wahrscheinlich jede Reise zur Einsamkeit ist. Schon die Räume des Zuges waren leer, mit ihren einsamen Sitzen und Tischen, mit den glänzenden Glasflächen für das Gepäck - diesmal ohne jede Tasche  - und die zusammengefalteten Buggys irgendwelcher Kinder, die nicht zu sehen waren. Es war zu vermuten, dass die Mütter eher Abteile bevorzugten und so die Großraumplätze frei blieben, aber damals schien mir, als ob alles ohne Erklärung wäre.

Es war ein Interregio-Zug und beim Kauf der Karte wurde angekündigt, dass es ein Büffetwagen gibt. Stundenlang kam aber niemand, um mit rauer Stimme Kaffee und Brötchen anzubieten. Die Gänge des Wagens klangen hohl, als wollten sie eine Erwartung geheim halten, wie in ihrer Leere rauschende altgriechische Gefäße, die erwarteten, mit Wasser gefüllt zu werden.

Ungefähr nach zwei Drittel der Strecke - eine von Ost nach West führende Linie - fragte ich den Schaffner, wann endlich mit Kaffeegeruch zu rechnen sei. Es wäre kein Buffet in diesem Zug, meinte er und wusste nicht, warum es auf meiner Reservierung solch eine Fehlinformation gab. Es schien komisch, dass es für neun Stunden Fahrt keine Möglichkeit geben sollte, etwas Warmes zu sich zu nehmen.

So kam ich hungrig zu dem am nächsten zur Einsamkeit gelegenen Bahnhof, so hungrig, wie wahrscheinlich jeder zur Einsamkeit fahrende Mensch hungrig sein muss. Dort regnete und regnete es so stark, als ob die Stadt um mich klagte und weinte, als ob der Himmel, deutlicher als ich, begriff, wohin ich fahre. Es wurde mir gesagt, dass die Busstation nahe am Bahnhof wäre und ich suchte eine Weile in dem Regen nach ihr, bis ich einen ovalen Platz fand, auf dem sich ein paar Busse sowie mehrere Haltestellen und Menschen befanden. Ich lief um den Platz herum, um nach der Einsamkeit zu suchen; dann fragte ich hier zwei Frauen, dort einen Mann, welcher Bus zu nehmen wäre. Niemand wusste, was für ein Ort das sein sollte, wo sich das befinden sollte und wohin man gehen musste, um dort anzukommen. Die geschlossenen Gesichter machten den Eindruck, als ob diese Leute schon längst zur Einsamkeit gefunden hätten und sie nicht mehr zu suchen brauchten. Ich war langsam müde und enttäuscht, schon naß von dem Regen und von dem Atem der nichtssagenden Antworten der Leute, und als der Fahrer des letzten Endes gefundenen Busses mich unwirsch informierte, dass er erst in einer halben Stunde führe und mir im Regen die Tür vor der Nase schloss, entschied ich mich, ein Taxi zu nehmen.

Ich fragte eine Frau, wo ein Taxistand sei. Sie antwortete aber nicht, sondern erklärte mir, dass es keinen Sinn machen würde, mit einem Taxi zur Einsamkeit zu fahren. Es wäre zu teuer, sie würde nie so viel Geld ausgeben, um schnell dort hinzukommen, wenn man mit dem Bus schrittweise und billig fahren könnte. Ich hatte wirklich genug, im Regen hin- und herzurennen und beliebige Menschen über die Einsamkeit zu befragen, und als der Taxifahrer den Weg kannte, war ich erleichtert. Taxifahrer verstehen vom Leben sowieso viel mehr als andere Leute.
Es war eine Fahrt über Straßen und Autobahnen, zu ein paar herrschaftlichen Gebäuden, an einem Schloss entlang. In den Spätnachmittagsstunden im Nebel und Nieselregen standen die Gebäude wie hohle Gegenstände einer Installation, stumm und verschwommen, wie die Steine des Hofes, auf dem ich mich allein wiederfand. Mit einer Tasche, die die Farbe meiner Jacke hatte, dunkelgrün, die Farbe einer Erwartung des Endes des Regens, die Farbe einer Hoffnung auf das Ende des Nebels.

Nur eine Tür der Gebäudeinstallation war offen, zumindest ließ dies eine Tafel mit den Tagesangeboten eines Restaurants vermuten. Ich suchte aber eigentlich kein Restaurant und versuchte eine andere Tür zu öffnen, dann zu klingeln, aber der Misserfolg lud mich doch dorthin ein, nach dem Motto meiner Landsleute, dass man mit Fragen den Weg nach Zarigrad findet. Das Restaurant war leer, die Tische mit den blauen und weißen Decken waren kalt und ich war nicht überrascht, dass der nach einer Viertel Stunde aus dem Nichts aufgetauchte Kellner keine Ahnung hatte, wo es andere, offene Türen in der Umgebung gäbe. Als er wieder verschwand klang in meinen Ohren eine Mischung aus "Hotel California" und "Blonde over Blue". Ich war müde, die Einsamkeit zu suchen.

Nun ja, ich hatte mir diese Reise vorgenommen, also musste ich weitergehen. Jede Tür und jede Klingel probierte ich aus und schließlich - einmal hat man immer Glück - konnte ich eintreten. Man sagte mir, wo ich wohnen könnte, wenn ich mich entscheiden würde zu bleiben und ich ging hin, um es mir einzusehen. Auf mein Klopfen öffnete eine zierliche Frau, hübsch, wie nur Frauen mit langen schwarzen Haaren sein können, mit leuchtenden Tränen in den Augen, wie die Tränen nur in tiefen schwarzen Augen leuchten können und in Jeans, modern und eher unpassend zu ihrer klassischen Gestalt. Sie ziehe hier aus, sagte sie, bald, sagte sie. Sie wisse nicht wohin, aber es gäbe keinen Sinn dort zu bleiben. Ihr Mann sei gerade fort, meinte sie, vielleicht weggelaufen. Die Räume seien leer, so leer ohne ihn, meinte sie, die Einsamkeit zu zweit sei erträglich, aber Alleinsein in der Einsamkeit ersticke und sie müsse weg, sie müsse weg. Erzählen Sie mir mehr, sagte ich, schließlich bin ich fremd und kann Ihre Tränen besser trocknen als die Bewohner hier. Ich bin das Alleinsein nicht gewöhnt und kann Ihnen möglicherweise helfen, wie sie aus der Einsamkeit herausfinden können. Mitteilen macht die Seele leichter, erzählen Sie mir, sagte ich und wiederholte das, bis sie mich überrascht ansah, mich herein bat und mir ihre Geschichte erzählte. Es war eine traurige und schöne Geschichte, so traurig und schön, wie es alle Geschichten über die große Liebe sind und ich vergaß die Einsamkeit und die Reise. Dann sagte ich der Frau mit den langen hübschen Haaren, dass ihr Mann sich höchstwahrscheinlich in den Nieselregen verwandelt habe und keinesfalls von hier weggegangen sei. Ich sagte der Frau noch ein paar Dinge und ging, weil sie mir eigentlich nicht zuhörte und mich keinesfalls brauchte. Später am Abend würde ich diese Frau wieder treffen und nicht erkennen - tiefschwarze Augen sehen ohne leuchtende Tränen ganz anders aus.

Als ich früh am nächsten Morgen gehen wollte, war wieder niemand im Hof. Die Luft war frisch und sauber und die Ruhe so verführerisch, dass ich dort gerne geblieben wäre. Ein Bus kam, allerdings nicht auf meiner Straßenseite, und ich wartete auf einen anderen bis derselbe Bus, diesmal in meine Richtung, mit ein paar Leuten darin, wiederkam; und beinahe wäre er weitergefahren, weil er an dieser Haltestelle keinen Fahrgast erwartete. Ich stieg ein, mit meiner grünen Tasche und meiner grünen Jacke, fuhr bis zum Bahnhof und nahm ohne weitere Ereignisse die Bahn nach Hause.

Diesmal war alles voll, der Wagen voller Menschen, die Gepäckfächer voller Taschen und Koffer. Es kann sein, dass die Leute mehr in die andere Richtung fahren, eben nach Osten, aber heißt das, dass sie auch fort bleiben? Ich fuhr und dachte an nichts, wartete und es kam mir vor, als hätte ich die Einsamkeit nie gefunden oder als wäre es ein Ort wie alle anderen zu dieser Jahreszeit. Es machte aber eigentlich keinen Sinn, über diesen Ort oder einen solchen Zustand nachzudenken. Genau so wenig, wie es Sinn machte, in dem Zug Papier und Plastik in getrennte Mülleimer zu werfen. Ein Junge in Uniform kam durch und leerte alle Eimer in einen großen Müllsack. Warum trennen wir den Müll dann erst, fragte ich ihn. Er sah mich überrascht an.

Am Bahnhof wurde ich erwartet.

aus dem Bulgarischen: Zarigrad=Königsstadt, bulg. Bezeichnung für Konstantinopel
Lieder entsprechend von The Eagles and von Billy Joel: "...there is no release, there is no solution/ in hell there's a big hotel/ where the bar just closed and the windows never opened/ no phone so can't call home..."

Tzveta Sofronieva

 

lebt nach Aufenthalten an mehreren Orten der Welt als freie Autorin überwiegend in Berlin und schreibt auf Deutsch, Bulgarisch und Englisch Gedichte, Prosa und TheatertexteLiteraturinstallationen, Essays und wissenschaftliche Artikel, veröffentlicht in mehreren Sprachen, übersetzt Poesie, initiiert und entwickelt interkulturelle Netzwerke und Herausgaben.

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