Theatererzählung

geschrieben 1988, bearbeitet 1993

in Gestus. Sofia: 1994

auf Deutsch in: Lichtungen, Graz 2010

experimentelle Aufführung von Thomas Milz und Goran Gugulowski
Landestheater Tübingen und Akademie Schloß Solitude, 1996
Internationales Theaterfestival Varna, Bulgarien, 1998
Dokumentarfilm BG TV2, 1998

 

„In mythischer Ferne und jüngster Vergangenheit zugleich scheint sich das Personal der „Saga über den abgerissenen Hof“ zu bewegen. Die gesungenen Epen waren die Grundlage für die darauf folgende Tragödie. Die wie erstickte Sage von Sofronieva hält den Versprechen der großen Theaterformen die Treue. Verrat ist dabei das Problem ihrer Figuren – und das unsere. Etwas will zwingend sicht- und hörbar gemacht werden. Die Geschichte einer Frau und eines Mannes als Schicksalsgeflüster auf dem Marktplatz: ein theatralisches Experiment. Was ich an diesem Stück sehr mag, ist, dass es wie ein antikes Stück gebaut ist, aber es eine Geschichte, die in der Gegenwart oder in der jüngsten Vergangenheit spielt, in der konkreten Situation eines Oststaates.

Das heißt, es hat mit Politik zu tun, es hat mit der Unterdrückung, mit Gewalt zu tun. Besonders mag ich, wie Tzveta private Geschichten mit der großen politischen Geschichte verquickt. In der Form, hat es etwas wirklich in sich gekehrtes; die Dialoge werden nicht offen geführt, sondern sozusagen "hintenherum", versteckt, verschachtelt, in sich selber hineingesprochen. So stimmen Form und politische Aussage des Stückes vollständig überein. Ein Text, der quer zu üblichen Theaterformen steht, indem er die Dramatik eigentlich verweigert. Dieses zurückgezogene, dieses erstickte, dieses Gar-nicht-zum-Theater-Kommende ist was mich an dem Stück fasziniert. Die Form ist eine politische Aussage des Stückes. Dieser Text verweigert mit grandioser Beharrlichkeit, Eigensinnigkeit, Sturheit, die Theaterbedienende Form, und gleichzeitig erzählende Prosa an sich. Und nur dadurch wird es uns möglich, die Geschichte zu verabschieden, und zwar heiter und das heißt nicht falsch versöhnt, sondern heiteren Abschied von falschen Lebensentwürfen zu nehmen.“ Thomas Milz, Dramaturg, LTT, 1996

„Ein riesiges Gedächtnis, Elemente eines angespannten Theaterraumes.“ Hary Walter

„Das Stück wurde auf der Bühne reduziert, und trotzdem ist das Element des Sprechens-Über-und-Für geblieben, darüber wie es gedacht und geredet wird über die andere, und das ist ästhetisch sehr fruchtbar. Eine Indirektheit, ungewöhnlich für das Theater, weil sie kaum gezeigt werden kann, bringt gerade das Neue in dem Text und der Aufführung.“ Ilma Rakusa

Saga über den abgerissenen Hof

Ein Stück über eine Frau, einen Mann, die Anwesenheit eines Kindes, über noch eine Frau und einen Mann, Eltern und etliche Erwachsene zu viel. Der Titel wurde mehrfach geändert. Die Welt und die Zeit gehören im allgemeinen allen. Diese Theatererzählung ist mit Sicherheit von Цвета Софрониева

I.
Da ist der Stuhl mit der Lehne. Etwas langweilig und alt, aber bequem. Sieht einem Bürostuhl ähnlich. Einer von diesen schwärzlichen. Auf ihn hat schon jemand ein elegan­tes helles Nachthemd geworfen. Es scheint grün zu sein, aber es blendet, und ich kann es nicht richtig sehen. Und auf dem Fußboden lungert eine Flasche "Russi­scher Wodka" herum. So eine, auf die es kein Pfand gibt. Wodka ist auch noch drin, aber sie ist nicht mehr voll. Ja, das Nachthemd ist grün und spiegelt sich sogar im Wodka wider.

Das Atmen zweier Leute ist zu hören. Einer atmet schwer, schmatzt ab und zu. Scheinbar schläft er, doch er schnarcht nicht, und ich kann nicht genau erken­nen, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Und das andere Atmen kommt eindeutig von einem schlafenden Kind. Zum Teufel mit ihnen, ich kann sie nicht sehen! Wozu brauche ich diesen blitzenden Spiegel, in dem es sie nicht gibt. Er, der Spiegel steht wohl auf einem Schrank. Interessant! Ist es der Schrank, der knarrt wie ein Fenster im Wind, wälzt sich der Mensch im Bett oder gibt es offene Türen? Der Schrank könnte schon ganz schön knarren, wenn ich sehe, wie hölzern er ist. Ach, sieh mal, was es für Dinge auf dem Boden gibt - eine Schreibma­schi­ne, klein, und Blätter daneben. Auf dem einen Blatt - Kugel­schreiber und Brille. Und da - Zigaretten und Streichhöl­zer. Wer raucht denn heutzutage noch  "Karo"? Ich bin schon seit langem auf "Marlboro light" umgestiegen. Ein großes Kognak­glas - auch dort. Ob es ein Hochzeitsglas ist, oder wird es als Vase benutzt? Irgendwelche Blümchen sind drin, glaube ich. All dies, die Gegenstände auf dem Fußboden meine ich, sind wie im Traum. Oder warum höre ich sonst diese Musik, die vom Meer zu kommen scheint? Sie macht mich leicht, trägt mich davon. Höre ich sie wirklich oder scheint es mir nur so? Weiß ich auch nicht mehr genau. Sie kommt von so weit her. Könnte kaum von diesem Radio auf dem kleinen Tisch neben dem Bett sein. Wo kommt denn nur diese Anzug­jacke auf dem Stuhl auf einmal her? Die war bis eben noch nicht da.

Hey, da ist auch das Bett. Und sie schlafen selig, zugedeckt mit einer weichen Baumwoll­decke, Vater und Sohn. Es könnte kaum anders sein. Das Bett ist breit, aus Matratzen, so quadratförmig. Das Kind hat sich zusammen­gerollt Der Mann - breitge­fläzt mit weit geöffneten Armen, fast auf dem Bauch. Sie schlafen. Das Atmen des Mannes wird stärker. Es ist unangenehm laut, meine Ohren dröhnen fast. Es übertönt fast alles. Und  dieses Knarren! Kommt es nicht vielleicht von dieser Tür? Weiß, dick, groß, wie aus Styropor, gewölbt zu der Seite, zu der sie sich öffnet, d.h. zu mir. Sie öffnet sich weit. Sieh mal, das ist ja ein Kühlschrank, seit langem nicht abgetaut, wie es aussieht, weil er einer Eisgrotte mit Stalaktiten und Stalagmiten ähnelt. Das einzige, was in ihm aufbewahrt wird, sind Kaugummis. Kaugummis, stell dir das mal vor! Überall auf den hohen Rosten. So, nun ist die Tür zu. Eigent­lich knarrt wohl die andere Tür. Ein Glück, dass sich der da wen­igstens mit dem Atmen etwas beruhigt hat. Jetzt kann ich mich mit der Musik erholen. Und die Tür, die hat ein kleines Fenster­ und schwankt hin und her, wie ein Scheu­nentor. Gehört aber eigentlich zum Bad. Zu sehen sind ein Wasch­becken, ein Wasserglas, Reinigungs­milch, irgendwel­che Arznei­fläschchen, Zahnbürsten, ein weißes Frotteetuch. Kein Laut.

Durch die Eingangstür - eine einfache Tür, poliert, mit dem Rahmen zu uns, mit nicht verriegeltem Schloss - kommt Sonia herein. Ich hatte schon gesagt, dass sie keine kurzen Haare hat, kein Vollmondgesicht, nicht sexy ist, und obwohl sie nicht beson­ders dünn ist, hat sie eben das Aussehen eines Mädchens, das sich bescheiden zurück­hält. Das sagt alles über ihr Äußeres. Ihre Bekleidung - schwarze Schuhe ohne Absatz, schwarze Strümpfe, nicht zu kurzer Rock, 3/4tel langer Mantel, Schal, Filzhut, Handschuhe, kleine Tasche und Regenschirm. Sie kommt leise und lautlos herein, schließt vorsichtig die Tür, um keinen Lärm zu machen. Zieht die Schuhe lässig mit einer Hand aus, auch die schwarzen Strümpfe und lässt sie als Häufchen neben den Schuhen liegen. Sie geht barfuss zum Schrank, legt dort ihren Hut ab, die Tasche, den Regenschirm, er fällt zu Boden. Das Geräusch erschreckt sie; sie sieht sich um nach Kamen und dem Kind. Beruhigt, dass sie sie nicht geweckt hat, knöpft sie den Mantel auf, nimmt die Handschuhe ab und setzt sich auf den Stuhl. Sitzt, schaut, träumt gedankenver­loren und lächelt vor sich hin. Schmiegt ihre Wange an die Schulter. Jenes Knarren aber hat wieder eingesetzt. Vielleicht hört sie es, denn sie steht auf und zieht sich aus, hängt ihren Mantel am Kleiderhaken neben der Tür auf. Ver­blüfft sieht sie dort das schneeweiße Män­nerhemd, die Hosen und die Krawatte. Sie wirft Kamen einen kurzen Blick zu, dreht sich dann schnell um, nimmt ihr Nachthemd vom Stuhl und geht ins Bad. Schiebt ihre Zahnbür­ste, das Wasserglas und die Reinigungs­milch zur Seite, lässt das Wasser leise in dünnem Strahl laufen und trinkt langsam schluckend aus der Hand. Ich höre ihre Schlucke schon lauter als das Atmen.

Im Schatten links hinter der Tür - ein Mann im Übergangs­mantel, groß gewachsen, sich im Aussehen stark von Kamen unterscheidend, auf jeden Fall nicht kahl, wie soll ich's sagen - überhaupt irgendwie ganz toll in der Haltung, küsst Sonia. Er küsst sie lange, länger. Ich sehe ihn im Halb­profil, sein Rücken stört mich ein bisschen. Er hat sie zart umarmt und küsst sie so, als ob er sie nie freigeben würde. Das Wasser im Bad läuft leise weiter, und es ist als ob es in den Mund, die Lippen, die Nase, die Augen­lider von Sonia eindringt.

Ja-a, dieser Unglücksrabe ist wohl nur eine Vision von mir gewesen, denn da ist die Sonia, trinkt aus der Hand, trocknet sich dann langsam das Wasser von den Lippen mit dem Handtuch und lässt es auf dem Waschbecken liegen.

Kamen ist schon wach, liest ein Buch und kaut Kaugummi. Er kaut intensiv. Als Sonia aus dem Bad tritt, lächelt er und hebt die Decke einladend hoch. Sonia sieht ihn erstaunt an und geht langsam im Rückwärtsschritt zurück zum Bad. Nimmt das Tuch in die Hände und legt sich so von der anderen Seite ins Bett. Kurz bevor sie sich hinlegt murmelt sie noch:
"Ich wasche mich nicht."
"Heute Abend putze ich mir die Zähne nicht!" verkündet sie in den Saal hinein.

Sascho wird wach, oder eher im Halbschlaf umschlingt er das Tuch, legt seine Hand auf Sonias und sagt ernst mit geschlos­senen Augen:
"Was ist der Tod? Sag."
Er dreht sich einige Male um, klammert sich an Sonia und ruft aus:
"Sonia, du wirst doch bei mir schlafen? Ich habe geträumt, dass ich gestorben bin. Was bedeutet das?"
Er fragt, zieht sie an sich. Sie streichelt ihn, sitzt wie auf Kohlen ohne sich zu rühren, bis er einschläft, mit dem Tuch in der Hand und dem Daumen im Mund.

Kamen ist aufgeschreckt von der Frage des Kindes. Er sitzt im Bett mit dem Rücken zu ihnen, schickt sich an auf­zustehen, kann aber irgendwie nicht. Etwas hält ihn im Bett fest. Er kaut. Er blickt finster. Er ist weder sehr jung noch sehr hübsch. Sieht intellektuel­l aus und das ist ihm stark anzumer­ken an Brille, Müdigkeit, Gesichtsaus­druck. Drückt den Zeilenhebel der Schreibma­schine. Legt die Hand für einen Augen­blick auf das schlafende Kind. Dann steht er abrupt auf. Geht nackt zum Kühlschrank. Der Kühlschrank ist riesig, fast so groß wie das Bad. Innen ist alles ganz gut zu sehen. Kamen spuckt den Kaugummi aus, lehnt sich an die Kühl­schranktür und beginnt sich hin und her zu wiegen. Wieder das spezifische Knarren. Sonia ist erstarrt.
"Wie geht es dir heute, Sonia?" fragt Kamen leise.
Sonia drückt auf irgendeine Taste am Kassettenrecorder, oder? Denn plötzlich erschallt laute Musik, eine sehr populär gewordene neue Interpretation des Liedes "Wonderful life" - herrliches Leben. Es dröhnt. Kamen löst Sonia sachte vom Kind und tanzt mit ihr Blues mitten im Zimmer. Sie schauen sich angespannt in die Augen. Sie fängt an zu weinen, lehnt ihre Stirn an seine Schulter. Er streichelt ihr Haar und geht ins Bett. Dort vergräbt er sein Gesicht im Kissen wie ein kleines Kind.

Sonia betrachtet uns, die wir vom Saal aus auf sie schauen, langsam und durch­dringend. Sie findet niemanden. Sie zieht Schuhe mit sehr hohen Absätzen an, die neben dem Bett liegen, nimmt ihre Tasche, den Mantel, den Filzhut und schickt sich an auszugehen. An der Leinwand über der Tür und an der Badezim­mer­wand er­schreckt sie plötzlich das Leben ihrer Eltern.

Digitale Fotos oder Filme, von hier kann ich es nicht richtig erkennen, oder Scheren­schnitte von  Leuten und Häusern. Im Ferienhaus, im Vitoscha-Gebirge, in der Krypta  der "Alexander Nevski"- Kathedrale, allein oder mit Sonia - schnelle, nicht einfangbare Episoden in unter­schiedlichen Größen, in ver­schiedenen Farben und Zeiten.
Das sind doch alte Dias, die eine Bewegung auf flachem unbe­weglichem Hinter­grund, auf dem Hintergrund der Er­starrtheit zeigen. Sie sind schwarzweiß oder zumindest mit schwarz weißen Figuren. Letztere sind Portraits. Die Größe ist unterschiedlich. Ich sehe sie jetzt gut.

Flur - an den Wänden gibt es nichts, was sich bewegen könnte, wie z. B. eine Uhr: einfach nackte Wände. Sonias Eltern empfangen sie mit ausgebrei­teten Armen, die Schwelle überschreitend.
Auf dem Hofe eines Bauernhauses, wobei weder Geschirr noch Tiere zu sehen sind. Einfach die Wand eines Bauernhauses, auf dessen Hinter­grund der Vater Holz hackt, das die Mutter auf­schichtet.
Auf Ackerboden und nichts anderem außer diesem und unter einem schwe­ren wolkenlosen Himmel graben Mutter, Vater, Großmutter und Großvater mit Hacken und Schau­feln. Ihre Gesichter sind nicht gut zu sehen, sie erscheinen im Halb­profil. Sie sehen komisch aus in ihrer alten Kleidung für offizielle Anlässe, die zum Arbeiten so wenig geeignet ist.
Mutter, Vater, Vlado, Itzo, Philip und Sonia steigen auf einem engen Trampel­pfad ins Gebirge, umgeben von riesigen Kiefern. Sie tragen Wander­kleidung. Die Gruppe ist im Gehen zu sehen. Kein Wind.
Felsen, auf dem Kamm befindet sich die obige Gruppe. Der Gipfel ist zu erkennen, still, keine Spur von Leben in der Umgebung. Alle sind wieder von hinten zu sehen, aber diesmal nebeneinander - die drei Männer, nach ihnen der Vater und die Mutter und zuletzt Sonia. Sie haben ihre Köpfe zu uns gewandt. Genauer gesagt - zu uns schaut Itzo. Vlado schaut zu den Eltern und Philip - zu Sonia. Sonia starrt den Gipfel an, nein, nein - Sonia starrt die Felsen auf der linken Seite an. Die Eltern schauen zu uns oder eigentlich zur lebendigen Sonia vorne auf der Bühne.
In der Krypta ist es leer. An den Wänden hängen die Ikonen. Sonias Eltern schreiten langsam von einer zur anderen. D.h. wir sehen sie in leichter Bewe­gung. Sie sind offiziell gekleidet, schön. Ihre Gesichter sind ruhig, sie erfreuen sich an den Ikonen.
Großaufnahme - die Mutter vor der Ikone der Madonna mit dem Kind. Die Ikone hängt an einer weißen Wand und ist das einzige Bild. Die Decke ist niedrig. Die Mutter hat die Hände zu ihr gehoben - flehend oder fordernd.
Großaufnahme - der Vater vor der Ikone des Hl. Georg, der den Drachen tötet. Eine Kitsch Szene. Sie ist rechts. Links ist die Ikone mit Jesus am Kreuz, aber schlecht zu sehen. Der Vater ist zur anderen Seite gewandt und verdeckt angewidert seine Augen mit dem  Unterarm, als ob er einen Schlag fürchte oder überhaupt nichts sehen will. Sein ganzer Körper hat eine ver­krampfte Haltung.
Die Hochzeit der Eltern. Vor dem Hintergrund des alten Bauernhau­ses, immer noch so still, aber schon mit dem Holzstapel an der Wand, ist ein Reigen zu sehen. Beteiligt sind alle Personen, ohne Lucie und Kamen und ohne Sonia selbstver­ständlich. Doch Sascho ist da. Sie sind genauso in der Reihenfolge angeordnet, wie wir sie beschrieben werden und stehen im Kreis. Sie haben das Bein für den näch­sten Reigen­ Schritt angeho­ben. Alle Gesich­ter haben einen sehr glücklichen Ausdruck, soweit das zu sehen ist. Denn die Köpfe sind mehr oder weniger nach unten zur Erde und zu den Füßen gesenkt, um ein­zuschät­zen, wie und wo genau mit Schwung auf­zutreten ist. Nur Sascho schaut zu uns.
Sascho spielt den Stierkämpfer mit dem Tuch - er schwingt es, als ob ich der Stier wäre und lächelt breit über das ganze Gesicht. Hinter ihm ist die Wand in rosa beige oder gelblich, wie ein altes vergilbtes Photo
Sascho stellt kleine Blümchen in die Trinkglasvase. Er ist im Profil zu sehen. Er beißt sich auf die Zunge, um ja kein Blümchen zu über­sehen. Der Hinter­grund ist der gleiche.
Sascho in Unterwäsche, kann auch ein Schlafanzug sein. Er hat die großen Stöckel­schuhe von Sonia an, ist offensichtlich sehr glücklich, wichtig­tue­risch. Er redet etwas, da es aber ein Bild ist, höre ich nichts. Der Hinter­grund ist der gleiche.

Sonia kennt diese Menschen all zu gut.
Sascho ist Kamens Sohn aus seiner Ehe mit Lucie. Die Mutter Lilli und der Vater Slavtscho sind Sonias Eltern, Großmutter Rada und Großva­ter ­Ko­sta - ihre Großeltern.
Viden ist Cousin des Vaters, Katherina ist die zweite Ehefrau von Viden, und Petartscho ist Katherinas Enkel von ihrer Stieftoch­ter Elli. Elli - Videns Tochter und Mutter von Petartscho - ist also Nichte des Vaters. Sie ist Kollegin des Doktors (nicht von Beruf, sondern nur auf der Arbeits­stelle).
Der Doktor heißt Boris und ist Lucies Bruder und Sonias Hausarzt. Bistra/­Snezheto ist Freundin des Doktors, aber gleichzeitig auch Antons Freundin. Anton und sie sind auch Mitschüler gewesen. Sie sind jung, verwirrt und müde. Ralinka ist die kleine Schwester von Bistra/­Snezheto.
Frau/Genossin Eftimia Bonewa ist Nachbarin der Eltern und Klassen­lehrerin von Bistra und Anton. Sie ist eng befreundet mit dem Vor­sitzenden. Der Vorsitzende ist Herr/Genosse Georgi Stefanov. Seine Villa befindet sich im Dorf der Großeltern. Kamelia, Bonewas Nichte, ist eine alte Jungfer. Sie arbeitet als Buchhalterin bei G. Stefanov. Ivana ist eine Nachbarin der Eltern und der Frau Bonewa. Ivana ist die Frau des Fahrers des Vorsitzenden. Welitschko - Bistras Betreuer während ihres Praktikums in der Fabrik - ist Nachbar des Doktors.
Vladimir (Vlado), Christo (Itzo) und Philip lieben die Eltern und Sonia. Sie helfen beim Aufstieg. Philip ist überzeugt von der geistigen Erhabenheit Sonias. Er wünscht ihre intellektu­elle Entwick­lung, möchte, daß sie ihre Begabun­gen entfaltet. Vlado will, daß Sonia sich in der Familie wohl fühlt - sowohl bei den Eltern, als auch bei Kamen. Itzo hält uns für schuldig an allem, was passiert, obwohl er bereit ist, uns zu verzeihen. Die drei lieben Sascho und glauben an die Beziehung von Sonia und Kamen. Sie möchten ihnen helfen. Philip ist mit Kamen seit der Studienzeit befreundet, vergöttert Sonia und das Kind. Christo ist Nachbar des Doktors, genießt die Begeiste­rung von Anton, Bistra und Petartscho. Vlado ist ein Nachbar der Eltern und Freund des Vaters, Bergsteiger, achtet die Eltern und die Großeltern, aber auch Kamen und Sascho.
Der Hl. Georg, der den Drachen tötet, ist Herr/Genosse Stefanov.
Jesus vom Kreuz ist Christo (oder Kamen, oder Saschko).
Philip, Christo und Vlado kennen sich durch die Schwie­rigkei­ten, die sie mit dem Vorsitzenden haben, aufgrund ihrer Wohnungsanträge.
Dieser ganze Haufen besucht das Dorf. Alle essen sich gerne mal satt bei den Groß­eltern. Es helfen nur Viden, Katherina und Elli. Die anderen kon­sumieren.
Maria ist die Freundin von Vlado (oder seine Frau? Ja, aber sie ist doch eine Nonne.). Ralinka ist (vielleicht) Vlados Kind. Bistra auch.

Die Eltern. Ja, die Elternstimmen dröhnen in Sonias Ohren. Von weitem, aber deutlich erreichen sie ihre stummen Fragen, und Sonia antwortet klar, sie beantwortet sie sogar gleichzeitig und im voraus.

"Wo willst du hin?"
"Warum habt ihr nicht wenigstens geheiratet?"
"Hättet ihr zumindest ein Kind zur Welt gebracht."
"Wo hast du den aufgetrieben?"
"Hättest du wenigstens einmal Saschko zu uns nach Hause gebracht ..."

        "Um alleine zu leben, denn, als ich wollte,
        wollte er nicht, nun gehe ich fort, jetzt
        will er, aber ich gehe fort, das Kind
        hat Mama Lucie, das Kind, das Kind..."

Sie stürzt zum Bett, kniet auf Saschos Seite und schmeißt alles auf den Boden. Betet, streichelt das Kind.

Auf einer dunklen Bühne sind sie und das Kind beleuchtet. Sie und eine große Puppe, die wie Sascho aussieht. Sonia ist in ihrem vorheri­gen Zustand, Sascho sitzt im Schneidersitz­ vor ihr, wischt ihre Tränen mit den Fingern ab. So ist er eben in seinem Schlafanzug, wenn das keine Puppe ist, an der sein Schlafanzug angenäht ist. Oder irgendein ähn­licher Schlafanzug vom Kinderparadies-Kaufhaus.

"Nun gehst du angezogen aus dem Bad 'raus, wo du nackt so schön bist."
"Sascho, du bist fünf Jahre alt. Die Jungen werden von ihren Papas gebadet, wenn sie groß werden."
"Fünfeinhalb! Tante Sonia, du bist älter, bist aber schön."
Schweigen.
"Wenn Vati mich prügelt..."
"Oh, sei ihm nicht böse, er ist manchmal dumm..."
"Ich kann nicht böse sein mit Vati, Mami und dir! Ich fange die Tränen in den Fäustchen auf und mache daraus einen Ball im Bauch. Es ist aber ein Schneeball und schmilzt im Magen. Ich weine nicht. Du sollst auch nicht weinen."
"Ach so."
Die Puppe Sascho ist zärtlich.

Und als die Bühne wieder ganz hell ist, schläft das Kind in seiner vorigen Lage, Sonia trinkt halbsitzend-halblie­gend Wodka aus der großen Cognac- oder Hochzeits-Glasvase. Die Blümchen liegen verstreut neben der Wodkafla­sche auf dem Boden. Sonia hat zerzauste Haare und verträumte, träge Bewegungen, eigentlich kaum welche. Kamen schnauft und dreht sich zum Kind um, schlafend. Beim Umdrehen hat er das Kind und die Frau mit dem Arm umschlungen.

"Dein Haar ist heute phantastisch, Sonia. Ich bitte dich, trinke nicht, sondern nimm Deine Medikamente, ja?"

Also ist er doch aufgewacht. Er zündet sich eine Zigarette an. Steht auf und beginnt sich anzuziehen. Wie sorgfältig, vornehm, ordentlich usw., usf. er sich zurechtmacht. Langsam und feierlich. Er ist schon im Anzug, mit Krawatte. Er steckt seinen Kugel­schreiber in die Jackenta­sche, die Brille, nimmt die Schreibmaschine, die Zigaretten. Rasiert sich, wie er so steht, die Schreibmaschine in der Hand, mit einem elektrischen Rasierer, und so angetan, schlüpft er in den Kühlschrank. Ordnet alles bequem und beginnt zu arbeiten.

"Kamen!" schreit Sonia erschrocken auf.
"'Über den Einfluß der Kühlschränke auf den Menschen und umge­kehrt' - wonach riecht das, Sonia, nach einer wissen­schaftlichen Forschungsarbeit oder nach einem Roman?" fragt er, vor sich hin trällernd.

Kamen raucht, schreibt, von Zeit zu Zeit taut er mit einem Streichholz etwas Eis von den Eiszapfen und trinkt, indem er seinen Mund darunter hält. In das Zimmer treten von unterschiedlichen Seiten Men­schen, die schnell vorbei­gehen und dabei ihre Aufgabe erfüllen.

X1    Eine Frau stellt eine Schale voll Äpfel neben Kamen hin. Eine prächtige Frau mittleren Alters, elegant. Sie stellt die Äpfel direkt neben Kamen und geht weg, ohne etwas mitgenommen zu haben.

X2    Ein Mann setzt sich auf den Fußboden und beginnt von der Spule ein Stückchen Faden abzuschneiden, das er wiederum in neue schneidet, Fäd­chen, Fäd­chen, ge­schnittene und verstreute oder lange und ver­wickelte. Dann bläst er einen Luftballon auf und hängt ihn auf.

X3    Eine Frau spricht am Telefon, stimmlos, selbstver­ständlich. Sie trägt den Apparat mit herausgezoge­nem Stecker mit sich und erklärt etwas, aus­führ­lich und eindringlich. Dann stellt sie ihn ab und schließt ihn wieder an.

X4    Ein junger Mann malt etwas an die Kühlschrankwand, egal was. Er schreibt Namen, zeichnet Kirchen, fünfeckige Sterne, Enten, Sonnen, Vögel und Bäume, klebt Knetgummi drauf.

X5    Ein junges Mädchen macht eine Zigarette an den Äpfeln aus, geht mit stolzer Überheblichkeit weiter, wobei sie einen Plattenspieler hinter­lässt, aber den Kassettenre­corder mit­nimmt.

X6    Ein Kind bringt eine Torte mit Kerzen und pinkelt neben den Kühl­schrank, bevor es verschwindet.

X7    Ein Mann, bebrillt, mit dickem stürmischem Haar, bringt Schall­platten, wählt eine und legt sie auf, mit den anderen geht er weg.

Kamen arbeitet vor sich hin, liest und knackt dabei Nüsse, die er zwischen den Äpfeln gefunden hat, wobei er die Schalen ins Publikum wirft. Sonia sitzt am Boden und schmilzt Kerzen über einem Apfel, bedeckt ihn mit Paraffin und abstehenden Dochten. Es spielt laute sinfonische Musik.

X8    Ein Mann mit dem Aussehen eines Parteifunktionärs bringt eine Leiter, steigt darauf, dreht Kamens Kühlschrank um und beginnt seine stumme Rede zu halten.

X9    Eine alte Jungfer bringt ihm den Aufsatz zum Rednerpult und bringt das Cognac-Vasenglas zu dem auf diese Weise aus dem Kühl­schrank ent­stande­nen Pult.

Kamen beginnt sich auszuzie­hen, ein Stück nach dem anderen, ohne jedoch mit dem Tippen aufzuhören. Sonia versucht ver­geblich, eine Telefon­nummer durch­zuwählen.

X10    Ein junger Bursche bringt einen Kakteentopf herein. Gleich darauf bringen einige junge Männer und eine Frau, ab­wechselnd, Kakteen- und Gummi­baumtöpfe herein. Beim Hinausgehen nimmt die Frau Sonia das Telefon weg.
    
    Der Mann von der Tribüne  beendet seine Rede, sammelt die Blümchen vom Boden auf, bevor er hinausgeht.

X11    Ein Mann in Arbeitskleidung schiebt den Kühlschrank zur Seite und beginnt, ihn zu reparieren, indem er Nägel hier und da an den Ecken einschlägt. Seine Hammer­schläge übertönen die Musik, und sie setzt aus.

X12    Eine Frau lässt den Luftballon am Kronleuchter platzen.

"Das Kind ist dir ähnlich", sagt Kamen beim nächsten Eis­schmelzen und trinkt das Geschmolzene aus der Hand.
"Du wiederholst dich einfach mit deinen Geliebten. Sind Ljudmila und ich nicht ähnlich?" antwortet Sonia mit einer Frage.
"Sie ist toll."

Kamen ist bereits völlig nackt und tippt immer schneller. Sonia zieht die Decke vom Boden hoch und deckt ihre Beine zu. Sie greift zu den Medika­menten in dem kleinen Schrank mit dem Spiegel, schiebt sie aber nur zur Seite.

X13    Ein Mann klebt eine riesige Anzeige an den Kühl­schrank.

X14    Eine Frau dirigiert den Scheinchor des Publikums, und von weitem wird Chorgesang hörbar.

Als sie zur Seite geht, lesen wir den politischen Aufruf der Plakat - Anzeige.

"Seid mit uns!" - an der Leinwand laufen Buchstaben wie bei einer Neonlicht­reklame und wiederholen den Aufruf der Anzeige.

X15    Ein Kind trägt den Plattenspieler hinaus.

Kamen isst die Torte mit den Fingern und beschmiert die Schreibma­schine und die Blätter.

X16    Ein Mann trägt die Leiter hinaus. Ein alter Mann, es fällt ihm schwer, dem armen.

Kamen schreibt, zerknüllt das Blatt, schreibt von neuem. Sonia geht zu ihm und streichelt sein Haar. Er lässt im Kühlschrank alles in völliger Unordnung liegen und stehen - zerknüllte Blätter, Zigarettenstummel, Streichhölzer, Schreibma­schine, Kleidung, Torte.

Sie gehen aus dem Kühlschrank. Sonia zeigt ihm den Regenschirm am Kleiderha­ken neben der Tür. Er streichelt ihr übers Haar, nimmt den Regen­schirm, legt ihn auf den Fußboden neben das Bett, parallel zu sich, und legt sich unbedeckt hin.

Das Licht bei Sonia ist stark. Sie betrachtet sich im Spiegel. Geht ins Bad und zieht ihr Nachthemd an, ihr grünes Nachthemd. Sie setzt sich hin und beginnt die Kakteen- und Gummibaumtöpfe in Form einer Uhr um den Spiegel zu ordnen. Ihr Gesicht ist farblos, ohne Schminke und irgendwie schmerzhaft verzogen, vielleicht grün. Sonia ent­kleidet die Äpfel von dem Paraffin, indem sie mit den Nägeln daran kratzt, und vollendet ihre Pflanzenuhr mit ihnen.

X17    Ein Arzt geht vorbei, nimmt sich einen Apfel, wischt ihn an seiner weißen Hose ab und beißt hinein.

X18    Eine ältere Frau kommt, um das Paraffin vom Boden auf­zukehren und räumt das Zimmer auf.

X19    Ein Mann mit kreidebleichen Jeans und mit Kübel und Bürste säubert ein bisschen den Kühlschrank. Intel­ligent sieht der Bursche aus, hat sogar Bücher und Zeitungen unterm Arm.
    Neben ihm sammelt Sascho das Knet­gummi auf. Das Kind, das vorher den Plattenspieler weggebracht hat, trägt jetzt die Schreibmaschine hinaus.

Sonia malt mit einem Lidstift schwarze Männchen auf den Spiegel, in unter­schiedli­chen Haltungen. Dann umrahmt sie sie mit grünen Linien in der Form von Tropfen, von Tränen. In die Tropfen hinein malt sie Boote. Die Männ­chen sind in Booten, die einge­schlossen sind in Tropfen. Dann verbindet sie die Tropfen mit Strichen, die Falten oder Gehirnfalten ähneln.

"Verdammter Kopf, wie er mir weh tut!", flüstert sie.
"Möchtest du, dass ich dir ein Baby mache? Ich kann nur so eins aus Knet­gummi, denn Vati schläft ja. Und Telefon haben wir auch nicht, um Mama Lucie zu fragen, in welchem Laden sie sie kauft. Jaaa, Vati könnte sich bestimmt was einfallen lassen, aber Mama Lucie kennt alle Läden hier, aber jetzt bin ich allein und habe nur Knet­gummi. Tante Sonia ... ich werde es sehr lustig machen, willst du? Dann geht dein Kopfweh weg und du weinst nicht mehr, ja?"
Sonia sieht sich um - neben ihr knetet Sascho an dem Knet­gummi, ohne sie anzusehen. Neben Kamen schläft die Puppe Sascho selig oder tut nur, als schlafe sie.

X20    Irgendeine Frau kommt und nimmt Sascho mit, wobei sie ihm etwas erklärt oder von etwas anderem überzeugt. Sie nimmt auch die Tortenre­ste mit.

Sonia besprüht ihr Haar mit grünem Lack, Gel oder Farbe, vielleicht Tinte? Eine grobe, klare, klagende und ziemlich nervtötende latein­amerikanische oder alpen­ländi­sche Musik stört uns, sodass wir uns nicht darauf konzen­trieren können, was Sonia macht. Sie betrachtet sich sichtlich zufrieden im Spiegel, und um sich besser sehen zu können, wischt sie einige der Männchen weg, indem sie sie ver­schmiert. Ihr Haar ist grün, sehr grün.

Der Mann mit dem Übergangsmantel zeigt seinen Rücken hinter der Tür.
Sonia kommt heraus aus dem Kreis der Blumentöpfe, zieht ihre Strümpfe an, die sie am Anfang neben der Tür hat liegen lassen. Sie hat die Absicht hinauszu­gehen.
Sie hofft, sie will ausgehen.

"Was ist Schmerz?", fragt Saschos Stimme.
Sonia schreckt zusammen, dreht sich zum Bett um.

"Oh, du meine grüne Euglena, Kaktee unter den Gummibäumen meiner Tage, du stichst heraus wie ein Brennesselstrauch unter der Luzerne meiner Träume" - ist das lustige Trällern Kamens durch Kaugimmikau­en und Zigarettenrauch zu hören. Der Junge und der Mann sind nicht zu sehen.

Wer waren diese Leute?
W e r  w a r e n  d i e s e  L e u t e?

(Auszug)

Tzveta Sofronieva

 

lebt nach Aufenthalten an mehreren Orten der Welt als freie Autorin überwiegend in Berlin und schreibt auf Deutsch, Bulgarisch und Englisch Gedichte, Prosa und TheatertexteLiteraturinstallationen, Essays und wissenschaftliche Artikel, veröffentlicht in mehreren Sprachen, übersetzt Poesie, initiiert und entwickelt interkulturelle Netzwerke und Herausgaben.

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