zweiteilige Erzählung

 

Siebzehn Quellen, siebzehn Kriege. Teil 1

Das Revier der Schicksalsgöttin. Teil2

 

in Verbotene Worte

Hrsg. Tzveta Sofronieva.

München: Biblion Verlag, 2005

Trost

 

 

SIEBZEHN QUELLEN, SIEBZEHN KRIEGE

Er brauchte Wärme. Anani wusste, dass er Wärme finden musste, und die Hunde schreckten ihn nicht ab. Er wollte zu den Schafen, zwischen ihre warmen Felle, nah an ihre Körper. Der Stall war ein Teil der Wiese, eingezäunt und notdürftig überdacht mit Holz, die zwei Hunde davor. Wie soll er an ihnen vorbei? Der Stall war ein einsamer Ort der Wärme im Hochgebirge. Es lag Schnee, hoher Schnee. Ab und zu waren Flecken Erde zu sehen, wo es nur Krusten dünnen Eisschnees gab und sich Hügel von Maulwürfen zeigten, neue oder noch vom Herbst. Auf diesen Auflockerungen der Erde sprossen Schneeglöckchen, noch halbwüchsig, eng aneinander gepresst und geschlossen. Es war Anfang Februar. Anani musste lange laufen, ohne Schuhe, nur in Wollstrümpfen und einem langarmigen Hanfhemd, das ihm bis zu den Knien reichte. Er ging tastend wie ein Blinder an den Wäldern vorbei, durch das Gebüsch, über die Wiesen. Er musste die Schafe finden, er musste sich wärmen. Es war noch nicht Frühling. Nur die Luft roch danach. Es blieb kalt.

Mutter hatte ihn nach der Schicksalsgöttin Ananke genannt. Diese hübsche Frau auf den alten Fresken, die den Globus der Erde im Schoß hält und die Achse als Spindel benutzt. Das war Anani aus Erzählungen der Mutter in Erinnerung geblieben. Die Göttin hatte sicher die Wolle dieser Schafe gesponnen, und daher musste er jetzt zu ihnen, er musste sich wärmen und ihre Felle für das Spinnen vorbereiten, kämmen und säubern. Er und die Schafe hatten etwas Gemeinsames dadurch, dass er Anani hieß, dachte er, und das gab ihm den Mut, es mit den Hunden aufzunehmen. 

Sein Sieg über die Hunde war einfach. Er ging nur geradeaus hin zu den Schafen und beachtete die Hunde nicht. Die Hunde schnupperten an ihm, einer leckte an Ananis Unterarm, sie bellten zweimal akzeptierend, und liefen wieder um die Schafherde herum. Er war hereingelassen worden. Sicher merkten die Tiere, dass er nicht in der Lage wäre, den Schafen etwas anzutun. Er schmiegte sich an die Schafe, vergrub seine Hände in ihren Fellen, wärmte seine Schulter an ihren Seiten, drang immer weiter in die Herde ein, zwischen die Geschwister, zwischen die Fellquellen von Ananke. Es roch intensiv, roch nach Fett und Schmutz, nach Gülle und Milch. Es war ein Ort, an dem er Geborgenheit und Trost spüren konnte, an dem es sich einschlafen ließ.

Das Lehmhaus oben im Gebirge: Das war es, wovon er träumte. Die große Stube, in der Mutter, Vater und sieben Kinder schliefen, in der am Tage Wolle gesponnen, genäht und gehäkelt wurde, in der die Erbsen und Linsen gelesen wurden und die Zwiebeln geflochten. Die Küche mit dem Kamin und den Wurststücken zum Räuchern darüber und dem riesigen Kessel, dem engen Bett aus Holzbrettern, auf dem die junge adoptierte Tante schlief. Dort, wo am Tage die Butter geschlagen, und Käse und Jogurt angesetzt wurden, wo man Gemüse putzte und Suppe kochte, wo die Kinder spielten, mit Nüssen und Steinen. Die andere Stube, in der Großvater, Großmutter und Urgroßmutter ihr Reich der Alten hatten, schliefen und lasen, wenn es Geld für eine Zeitung und Öl für die Ölfunzel gab. Die Kinder durften dieses kleine Zimmer nie betreten. Die Urgroßmutter kam am Tage heraus, um zu kochen und sie hockte in ihrem Revier, der Küche, die ganze Zeit, manchmal gut gelaunt. Anani war das jüngste der Geschwister und drückte sich bei ihr besonders oft herum, weil er den Lärm der spielenden älteren Brüder nicht mochte. Urgroßmutter duldete seine Präsenz liebevoll, gab ihm manchmal ein Minzebonbon; in den schwersten Zeiten tat sie das, wenn Mutter und Vater tagelang nicht da gewesen waren, wenn Ananis Augen sehr traurig wurden. Der Vater wurde öfters in den Krieg eingezogen, die Mutter ging gelegentlich für einige Tage in die Stadt, um Milch und Käse, Korn und Kartoffeln zu verkaufen und etwas Salz für die Schafe und Öl für die Lampe zu besorgen.

Der Geschwister-Krieg, das war das allerschlimmste. Keiner hatte gedacht, dass Serben Bulgaren angreifen würden, dass Slawen Slawen an den Kragen gehen würden; es gab Ärger genug mit Türken und Griechen in dieser Gegend. In dem Krieg fiel der Vater. Und die Mutter weinte, die Mutter weinte und steigerte sich in Trance und dann erst fluchte ihr Herz laut und erbarmungslos, dieser Tod sei der allersinnloseste der Welt. Anani verstand nichts vom Sinn und noch weniger vom Sinnlosen, er ahnte, dass Sinnlosigkeit mit Trauer zu tun hatte, mit Trennung und mit Abwesenheit. Der Vater kam nicht mehr. Es kamen Menschen aus den Nachbardörfern auf der Flucht vor den Serben. Die Mutter weigerte sich immer noch zu verstehen, wozu man von zu Hause fliehen sollte, warum der Mann gefallen war, warum Serben Gefahr bedeuten sollten. 

Geschwister-Krieg kann grausam sein. Ein Beil lehrte Anani diese Wahrheit, eines, das der große Bruder gegen ihn erhoben hatte, als er bei der Mutter bleiben wollte. Es hatte das Handgelenk erwischt. Das blutete, und desto dringender war es den Stall zu finden und die Schafe. Die Familie war zehn Kilometer nach Osten gezogen, schnell und ohne viel Gepäck. Dort musste die Mutter für Unterkunft sorgen, für die Kinder, für die Alten, also war sie gezwungen, sofort wieder zu heiraten. Einen Witwer, der selbst von seiner Frau nach der Geburt des letzten Kindes allein gelassen worden war mit den vier Kindern; der auch Felder hatte und baldige Hilfe dort und im Haus brauchen konnte. Alle älteren Brüder und Schwestern hatten ab sofort viel zu tun bekommen. Die adoptierte Tante wurde auch schnell vermählt, mit einem in den Krieg ziehenden Jungen, dessen Eltern allein im Haus geblieben wären, krank und ohne Hilfe, dort benötigte man auch ein Paar Hände, eine Schwiegertochter also. So änderte sich die Familie innerhalb von zwei Wochen, die meisten hatten wieder Essen und eine Schlafmöglichkeit. Anani, der nicht groß und auch nicht klein genug war, sollte zum Stall ins Gebirge, dem Großvater helfen, die Schafe über die neue Grenze in den Stall des neuen Stiefvaters zu bringen, bevor der Frühling kam und Serben die Viecher in Osterbraten verwandelten. Unten im Dorf wäre der Kleine sowieso zu nichts nütze. So kam es zu Beil und Blut, zum Geschwister-Blut und zum Verlassen der Mutter, ihren trostlosen Augen. Anani wusste nicht was Trost war und was trostlos, aber er ahnte, dass es mit Verborgenheit und Verlassen zu tun hatte, mit Mutter und Vater, mit Zuhause und dem Suchen nach Schafen im Wintersturm. 

Die Hand schmerzte. Anani lief, froh, dass es stürmisch wurde, denn sonst wäre die Gefahr, Serben zu treffen, größer gewesen; er sollte den Serben nicht sagen, was er suchte und wohin er lief, aber er wusste nicht, wie er sie erkennen könnte, denn die Menschen in dieser Gegend sahen ähnlich aus, hatten dieselbe Art von Kleidung und sprachen mit den gleichen Worten. Und alle tranken Wasser an den gleichen Quellen, brachten auch ihre Schafe, um sie dort zu tränken. Klares, kühles Wasser, das Durst stillte, ohne zu fragen, wer wer sei. Anani wollte alle Menschen meiden. Der Sturm kam ihm zu Hilfe. Nur dass er ankäme, zu den Schafen, zur Wärme. Von wilden Männern mit Schnurrbart träumte er; sie sitzen an einem Tisch, trinken Schnaps und lachen, heben ihre Gläser, um sich zuzuprosten, und sie werden zu Beilen, die sie grinsend aufeinander richten. Der Vater ist einer davon, der Stiefvater, und die Hunde. 

Anani war aufgewacht, es roch immer noch nach Gülle und Schafsfell, es war immer noch warm, die Wintersonne war durchgekommen, sein Alltag begann. Sein Alltag drei Jahre lang, zwischen Stall und Stall, bis er aus dem Hanfhemd herausgewachsen war.

Einmal im Monat durfte er zu Mutter ins Dorf, ihr Käse bringen, sonst kamen die Schwestern ihm auf halbem Weg entgegen, um ihm am Morgen die Milch abzunehmen. Immer nur kurz durfte er zur Mutter, ein Paar flüchtige Blicke, ein Kuss seinerseits auf die Hand, ein Kuss ihrerseits auf die Stirn. Sie lächelte immer so schön und es war ihm ein Trost. Eines Tages ging er in die Stadt, in die Stadt, von der er von den alten Menschen gehört hatte, dass sie dorthin die Milch bringen, und den Käse, die Butter, und dort Salz und Öl kaufen. Ja, er ging in die ferne Stadt, weiter fort von der Grenze mit Serbien, er ging zu Fuß, verabschiedete sich nicht von der Mutter, damit sie ihn nicht anhält, wie konnte er ihr denn ausweichen, auf sie nicht hören, also ging er ohne ein Wort in die Stadt, barfuss, mit einer Schafwollhose und dem alten Hanfhemd. Er ging hin und traute sich nicht weiter als bis in die Außenbezirke, um nach Arbeit zu fragen. Wer sollte ihn nehmen, acht Jahre alt, arm und wild aussehend, wer sollte ihn als Arbeiter oder Knecht haben wollen. Am zweiten Abend fiel er einfach um, in einen Haufen Tischlerspäne, die in der Ecke eines Gartens lagen. Das war sein Glück, denn die Hausherrin, die ihn am nächsten Tag fand, als sie Feuer machen wollte, hatte Mitleid mit ihm. Er durfte bleiben, in den Spänen schlafen und den Tischlerberuf vom Hausherrn erlernen. Er wurde ein guter Tischler, denn er hatte gute Hände, und ein dankbares Herz.

Er sparte etwas Geld, kaufte ein Pferd und wollte die Mutter besuchen, erfuhr, dass sie schon gestorben war und weinte an einem Brunnen in der Nähe des Stiefvaterdorfes, während das Pferd seine Durst löschte. Er ging zurück zu dem Haus, seine Schwester, auch seine Stiefschwester, beschenkte er mit Ketten aus der Stadt, nur eine bewahrte er auf; er wollte sich eine Braut suchen. Er wollte eine Braut aus seiner Heimat haben, eine, die zwischen Gebirgen und Feldern, Dornen- und Kartoffelblüten, zwischen Serben und Bulgaren aufgewachsen war und seinen Kummer auf den Handflächen spüren konnte. Aber wer sollte einem Niemand von 19 Jahren auf einem weißen Pferd als einzigem Besitz eine Braut geben, wer sollte ihn als Schwiegersohn haben wollen mit dieser trotzigen Stirn und den dunklen funkelnden Augen darunter. Am Ende der zweiten Woche sah er eine Frau mit einem weißen Kopftuch am Brunnen eines Dorfes weiter in den Feldern, wo er beinahe schon die Hoffnung auf eine Braut aus der Heimat verloren hatte, Wasser holen. Es waren viele Mädchen und Frauen am Brunnen, nur sie war schon eine Frau und trug dennoch ein weißes Tuch. Blau waren ihre Augen und mild ihr Gesicht, etwas länglich wie das seiner Mutter. Diese Jungfrau war sicher einige Jahre älter als er, aber aus ihren weisen Bewegungen strahlte nur Jugend. Sie wollte er haben, dachte er, in der Stadt mit ihr ein Haus bauen, Söhne bekommen, ein Heim gründen. Allein sei sie noch, erfuhr er am Abend in der Kneipe, 26 sei sie und kränklich, keiner hatte ihr einen Heiratsantrag gemacht, denn mit ihrer Gesundheit sei sie für Feldarbeiten ungeeignet, nur eine Last wäre sie gewesen. 

Und er wusste, dass sie seine Braut war, aber bekommen konnte er sie nicht, da er keine Geschenke außer der schmalen Kette hatte, keine Verwandten zu ihrer Familie schicken konnte, um die Ehre ihrer Familie zu bewahren. Dazu gab es Komplikationen, da sie aus einer Pfarrersfamilie stammte, das erschwerte alles. Ach, die Sitten seiner Heimat! Aber Sitten waren dazu da, auch mal gebrochen zu werden, und er würde sie nehmen, wenn sie ihn wollte, geschehe was wolle. So spannte er sein Pferd am Abend an und übersprang die dicke hohe Hofpforte ihres Vaterhauses, genau wie es im Lied von Krali Marko hieß, und fragte sie heimlich am Fenster, ob sie mitkäme, und sie willigte ein. So hat er sich seine Braut gestohlen, und ihre Aussteuer, ein Paar Tisch- und Bettdecken, wurden erst von der Familie geschickt, als das erste Kind geboren wurde. Ein Mädchen. 

Das zweite Kind wurde auch ein Mädchen, und dem konnte Anani bis zum Ende seines Lebens nicht verzeihen, denn das erste Kind kann ruhig ein Mädchen sein, aber mindestens danach soll ein Junge kommen. Er war seiner Frau nie böse, aber dem Kind, weil er sich von ihm verraten fühlte. Inzwischen herrschte wieder Krieg. Ein Krieg, in dem er mitmachen sollte, seine Werkstatt verlassen sollte und das kleine Haus am Rande der Stadt. Er verlief westlich von dem Dorf, in dem er geboren worden war, einen Steinwurf entfernt war das, nur die Frontlinie verschob sich woandershin und er konnte nicht nachsehen, ob sein Geburtshaus nach all den Jahrzehnten noch heil war und wer in dem großen Zimmer seine Wolle spann. Diesmal kämpften Bulgaren und Serben Seite an Seite, bis Berlin und zurück, mit den Russen, die Russen, vor denen seine Frau mit den Kindern zu ihren Eltern in ihr Heimatdorf fliehen musste, denn die Russen mochten es nicht weniger als andere Völker, über Frauen ihre Kriegsmacht auszuüben. Das kleine Haus am Rande der Stadt stand immer noch, das Haus, in dem seine Kinder geboren wurden, mit dem Garten, wo er lila Flieder gepflanzt hatte – so einer wie es ihn einmal im Garten seiner Mutter gegeben hatte, in dem er laufen gelernt hatte. Der Flieder war da gewesen. Neben ihm auch der weiße, den seine Frau dazupflanzte. Das Haus auch und auch die kleine Tischlerwerkstatt, obgleich manches Werkzeug verschwunden war. Ein Teil eines Gefühls des Daheimseins, des Trostes, des Sinns. Geplündert, aus irgendeinem Grunde – so viele Gründe haben Menschen im Krieg. Die alten Fotos wurden mit Wasser bespritzt, hoffentlich nicht bepinkelt, dachte er, verschimmelt, zum Verfeuern. Die einzigen Fotos, die er sich geleistet hatte, als die Kinder geboren worden waren. Er hatte bis Berlin und zurück keine fremden Fotos bepinkelt, keine Kinder- und Frauengesichter, aber er wusste schon, was trostlos bedeutet und wie trostlos Krieger sind. Erst am Sterbebett seiner sechsundsiebzig Jahre alten Frau wird er die Russen hassen, als sie mit weit geöffneten Augen leise »Die Russen kommen!« schrie und zum letzen mal seufzte. Er erfuhr nie, was Russen ihr angetan hatten. 

Anani beneidete seine Frau um ihren Gott. Er glaubte an nichts, nur die alten Götter mochte er, diese griechischen Menschen-Sehnsüchte, ihre Spiele, Kämpfe und Irrwege. Er erwartete nichts von ihnen, er betrachtete sie als eine Art Kumpel. Wahrscheinlich, weil er diesen Namen trug und etwas von Schafen und Hunden verstand. Er bewunderte die Natur der Dinge und damit war es für ihn abgeschlossen: eine Mücke tötete er und ein Glühwürmchen erfreute ihn. Eine Maus in der Wassertonne bedeutete, das Wasser abkochen zu müssen und es dann zu benutzen, nach den Popen zur Gesundbetung des Wassers rief er nicht. Glaube hin, Glaube her, man musste sich selber schützen. Seine Frau dagegen war gläubig und Gottes Schutz stand ihr immer zur Seite. Sie war mit ihrem Glauben nicht aufdringlich, ließ ihn niemanden zu sehr spüren, um die Familie in Ruhe vor der atheistischen Regierung zu wissen, aber auch Ananis wegen. Er konnte schwer an jemanden glauben, der Kain und Abel brauchte, der Geschwisterblut gern sah. Anani war näher an einer Grenze geboren als seine Frau. Sie betete abends im Bett leise, setzte sich erst mal gerade hin, bekreuzigte sich ein paar Mal und bedankte sich für Schutz und Kraft. Damit war es erledigt. Anani bot ihr seinen ganzen Schutz. Er ließ sie zu Hause bleiben, als die Regierung der Volkspartei die Frauen von neuem aufs Feld schickte, auf ein gemeinsames, kooperatives Feld, wo sie die Schenkelkniffe des Brigadechefs noch weniger als die stechende Sonne ausstehen konnte. Sie durfte Hausfrau und Mutter bleiben und in ihrem kleinen Blumen- und Tomatengarten, bei dem schon größer gewordenen Haus am Rande der Stadt arbeiten. Anani arbeitete doppelt, in der Kooperative der Tischlerarbeiter und zu Hause in der Werkstatt, die klein genug war, um geduldet zu werden, so lange er genug an die Partei zahlte. Arbeiten und seiner Frau Schutz bieten, ein Wettbewerb mit ihrem Gott. 

Schutz konnten beide nicht wirklich gewährleisten, nicht, als die Bulldozer kamen und das Heim der Familie dem Erdboden gleichmachten, um Plattenbauten für die Arbeiterklasse zu bauen. Anani bot ihnen das Haus als Geschenk, falls es bewahrt bleiben konnte, es ließe sich gut in einen Kindergarten umbauen, er würde das gern tun. Das Haus war ziemlich hübsch, größer als die anderen in der Siedlung, eignete sich gut für andere Zwecke, war solide gebaut, besonders schön mit Holz verziert. Das Haus überlebte nicht, er und seine Frau, schon allein, nachdem die Kinder und Enkelkinder ausgezogen waren, bekamen als Ersatz eine Einzimmerwohnung in einem Plattenbau, im dritten Stock, mit immer nassen Badezimmerwänden – es gab keine Handwerker mehr, alle waren Meister und Brigadiere. Anani verlor schon wieder seine Erde, ohne Boden unter den Füßen fühlte er sich. Seine Frau siechte dahin. Die alte Kirche im Bezirk wurde auch zerstört, um den Supermarkt für die Plattenbausiedlung zu bauen. Seine Frau wurde krank und immer kränker. Sie sprach nicht mehr und lag nur. Die Töchter glaubten den Ärzten, dass es eine Lungenentzündung war und quälten sie mit Antibiotika und Hühnerbrühe. Anani sah, wie sie Fleischstückchen beim Husten ausspuckte und er sah die Morphiumspritze der Krankenschwester morgens bei der Visite. Zum ersten Mal war er voller Wut gegen seine Frau, er kniff sie, bis ihr Arm blau wurde, flehte sie an, ihn nicht zu verlassen. Einmal öffnete sie ihre verblassten Augen und schloss sie wieder. Er hatte verloren, total versagt hatte er. Er zog sich feierlich an und ging zur Kathedrale mitten im Stadtzentrum, da er sicher war, dass sie als Museum genutzt und daher geöffnet war, und betete. Er betete zu ihrem Gott, dass er sie zu sich nehmen sollte, jetzt, gleich, dass sie nicht mehr leiden sollte. Zehn Stunden blieb er im Gotteshaus, bis es geschlossen wurde, zehn Stunden saß er auf der Bank unter den Ikonen und betete: »Gott, ich glaube nicht an Dich, aber sie tut es, nimm sie, nimm sie mir jetzt, sie wird bei Dir glücklich sein.« So wurde er erhört und als er zurück war, sagte seine Frau den Satz über die Russen und starb. 

In sein Geburtsdorf kehrte er nie zurück, er bekam diese Gegend auch nicht zu sehen, so sehr er sich auch danach sehnte. Er hatte nur eine vage Erinnerung an das, was seine Heimat gewesen sein sollte. Vor dem Winter mit dem Beil und dem Sturm auf dem Weg zu den Schafen. Es war Wasser aus siebzehn Quellen, das wusste er noch und nach diesem Wasser dürstete ihn. Nachdem der Krieg Seite an Seite mit den Serben geführt worden war, wurden die Grenzen wieder geschlossen. Jahrzehnte durfte er keinen Fuß in die Gegend seiner Kindheit setzen. Als das Regime wieder gelockert wurde, ging er sofort mit seinem Enkel bis zur Hälfte des Weges auf einen Berg und versuchte mit einem Fernrohr, die Quellen zwischen dem Laub der Bäume auf der anderen Seite des Flusses zu entdecken. Ein gefährliches Unternehmen, denn wenn ihn der Grenzschutz entdeckt hätte, hätten alle ziemlich viel Ärger bekommen. Er traute sich nicht nah an den Fluss. Die Enkel hatten ihm einen Grenzschein besorgt, da er nach seinen Ausweispapieren aus dem Dorf des Stiefvaters kam, nah am Fluss und nahe der Grenze. Er fühlte sich aber körperlich zu schwach, allein den steilen Weg hinaufzugehen, und die Enkel selbst hatten keinen Schein bekommen. Erma hieß dieser Fluss. Nach der Legende war das ein Mädchen, das einen reichen Vater hatte und einen armen Schäfer liebte und mit ihm floh, und der Fluch des Vaters verwandelte sie in einen Fluss und den jungen Mann in einen Berg. Anani dachte, die beiden waren sicher nicht nur durch Armut getrennt gewesen, sondern auch von dem Gerede über serbisch und bulgarisch. Erma fließt durch den Berg mitten auf der Grenze, überquert sie und fließt weiter. Keiner weiß, warum ein Fluss keine Grenzen akzeptiert. 

Er pendelte zwischen den Wohnungen seiner Töchter und seiner gestorbenen Frau, alles Orte ohne Gesichter, heimatlose, verwahrloste Orte. Irgendwann wurde ihm das zur Last und dazu die Sehnsucht nach den siebzehn verlorenen Brunnen, nach dem Flieder in dem Garten seiner Mutter, nach dem Flieder im Garten seiner Frau und nach dem Vater. Noch einmal, nach vielen Jahren kehrte sein Vater zu ihm zurück in seinen Träumen, lachend. Er ging in den Zentralstadtpark, wo seit langen Jahren in einer Ecke eine Steintafel mit den eingravierten Namen der im Krieg Gefallenen stand und seines Vaters Name zu lesen war. Aber sie war nicht mehr da, war ersetzt worden durch ein Monument für alle Namenlosen, die für das Vaterland gestorben seien, ein Monument vor einem Volkspalast, monumentaler als die Steintafel mit den Namen der Gefallenen. Die alte Straßenbahn fuhr dort jetzt unter der Erde und alle Eichhörnchen und Katzen liefen auch dort entlang. Er weigerte sich unter der Erde zu laufen, und so erreichte er nicht das andere Ende des Parks. Was wäre denn so anders gewesen, hätte er die alte Steintafel gefunden? Den Namen des Vaters, gefallen in einem Krieg, an den sich keiner mehr erinnert, keiner sich erinnern wollte? Es gab keine Geschwister im Westen, die existierten nicht, man war nicht gegen sie, aber auch nicht für sie, Jugoslawien war nicht westlich und nicht östlich und im Grunde nicht existent. Er wusste noch immer nicht, worin der Unterschied zwischen seinem Vaterdorf und dem Dorf des Stiefvaters bestand, er hatte wenig erfahren können vom Westen und Osten, und um ehrlich zu sein: Jetzt hatte er keine Lust mehr, es zu erfahren.

Um seiner Sehnsucht näher zu sein, fuhr er aufs Land, fand ein kleines Grundstück an einem Ort in der Nähe des Dorfes, in dem seine Frau geboren worden war, pachtete es und ließ seine Werkzeuge aus dem Keller der Stadtwohnung dorthin transportieren. Er baute sich einen Schuppen aus Holz und ein Plumpsklo und zog dort ein, mit einem alten Bett, inmitten der Holzbretter und Schrauben, dem Tischlertisch und der großen Säge. Dort machte er sich daran, ein kleines Fenster zu tischlern. Das Grundstück hatte Zwetschgen-, Pflaumen-, Äpfel-, Birnen- und Kirschbäume. Sie strahlten Ruhe aus. Marder gab es, Wühlmäuse und Vögel. Die erstgeborene Tochter kam und schrie ihn an, er solle wieder in die Stadt gehen, weil sie sich um ihn so nicht kümmern konnte, mit all den anderen Verpflichtungen. Er tröstete sie, indem er ihr die Stadtwohnung für ihre schon erwachsenen Kinder gab. Die andere Tochter kam an den Wochenenden, brachte ihm Tomaten und saubere Wäsche, pflanzte eine Rose, die sie im Topf aus Mutters Garten aufbewahrt hatte. Meist schwieg sie. Er konnte ihr weiterhin nicht verzeihen, dass sie nicht als Junge geboren wurde. 

Beide Töchter und ihre Familien machten sich Sorgen um ihn. Das kümmerte ihn wenig. Kinder gehen weiter und die Vergangenheit stirbt für sie, wenn die Mutter stirbt , dachte er vor sich hin. Er tischlerte an einem kleinen Fenster. Mittlerweile wechselte die ewige Regierung und es wurde Land zurückgegeben, das früher den Bauern weggenommen geworden war. Die Enkel freuten sich, dass sie die alten Wiesen erben würden, von denen Großvater immer erzählt hatte; er sollte hin zu den neuen Behörden. Sie fuhren ihn hin, aber es stellte sich heraus, dass seine Mutter nie offiziell mit dem Stiefvater verheiratet gewesen war und es keine Papiere gab, um ihm einen Anteil an den Wiesen zu geben, auf denen der Stall mit den Schafen damals gewesen war. Es gab auch Vatersland in den Bergen, auf dieser Seite der Grenze, dieses Land war allerdings Wald und er bekam es nicht zurück, da die neue Regierung den Wald staatlich bewahren wollte. Er nahm sich einen Anwalt, aber alles lief ins Leere. Seine Geschwister und ihre Familien hätten mitmachen müssen, sie hatten jedoch kein Interesse, sie bräuchten den Wald nicht, was sollte man damit im Grenzgebiet; doch unterschreiben, dass sie ihm alles überließen, wenn er dafür allein kämpfen wollte, das wollten sie auch nicht. Er war mittlerweile so daran gewöhnt zu verlieren, dass ihn das weiter nicht störte. Er konnte ohnehin nicht zu diesem Land mit dem Wald laufen, und die siebzehn Quellen waren schließlich nicht darauf; auch die Enkel gaben ihre Fantasien auf. In der Zeit, in der man das alles erledigte, öffneten sich zum ersten Mal nach ewigen Zeiten die Grenzen wieder. Aber bevor er sich vornehmen konnte, gleich in sein Geburtsdorf zu fahren, begann der Geschwister-Krieg aufs Neue, diesmal ohne Bulgaren, dafür im Westen des Balkans ziemlich kräftig. Grausamer als man sich von früher erinnerte, meinten die Enkel, als ob sie sich an etwas dieser Art erinnerten. So wurden die Grenzen erneut geschlossen, weil die Bulgaren ein Embargo unterstützten; Anani verstand nicht, wieso man die Geschwister wegen Fremder verhungern ließ. Er wurde müde, sehr müde wurde er von dem Ganzen. Was nützte hier das Gerede.

Viele Schmerzen hatte er auch schon, alle Gelenke taten ihm weh, und die Augen. Er war alt geworden, wirklich alt, es mussten bald hundert Jahre sein seit seiner Geburt. Er dachte über den Sinn seines Lebens nach; er dachte an den Fluss, und dass Flüsse nie zurückkehren, und wie diese banale Wahrheit ihm in all den Jahren entflohen war. Er entschied sich zu sterben, auch ohne seine Heimat wieder gesehen zu haben. Es war ihm gleichgültig geworden. Er dachte, wenn es ihm damals egal gewesen wäre, ob er die Wärme findet, wäre er damals bereits gestorben. Er baute das kleine Fenster an einer Seite des Schuppens beim Bett ein, setzte sich davor hin. Er bewegte sich nicht, Stunden und Tage nicht, bis ihn die Töchter fanden, steif, in den eigenen Exkrementen, mit Blick durch das Fenster, in der Pose der Ananke. »Das war dumm«, sagte er, »es lohnt sich doch, einfach das Licht zu sehen.« Und starb.

Er wurde in der Stadt begraben, in der auch seine Frau lag. Eine gewisse Zeit davor wollte er verbrannt werden, da er die Idee verabscheute, von Würmern durchfressen zu werden, aber danach hatte er beim Bau des Krematoriums als Schreiner geholfen und wusste, dass sowieso niemals die Asche des Verstorbenen in die Urne kam, irgendeine vermischte Asche war das, eine Lüge also, kein Begräbnis. Noch eine Weile selbst zu sein, wäre nicht schlecht, dachte er dann, sogar als Speise für die Würmer. Keiner konnte sagen, was mit seiner Seele geschah. Seine Angehörigen trösteten sich mit der Idee, er lebe weiter in ihnen und in den Dingen, die er hinterlassen hatte. Aber wie lebte er denn weiter und warum war es für sie nötig, dass er weiter lebte, niemand wusste es. Seine Frau lebte als eine Luftfee, es war klar, alle Großmütter leben weiter als Luftfeen, Engel und andere schützende Gestalten, besonders wenn sie an Gott oder an Andersons Meerjungfrauen geglaubt hatten. Sie ziehen leicht an den Gardinen und den Badetüchern, um ihre Kinder, Enkelkinder und Urenkelkinder zu streicheln und Sehnsüchte zu verbreiten. Sie melden sich auf jeden Fall ab und zu. In den Liedern und den Märchen, in den Worten. Ananis Seele verschwand in der Geschichte, über die man nicht reden wollte, weil sie politisch unkorrekt gelaufen war. Ananis Seele meldete sich nie. Ein Jahrhundert hatte ihr wahrscheinlich gereicht. 

 

 

 

DAS REVIER DER SCHICKSALSGÖTTIN

Es gab keine Überlieferung, wie die Schicksalsgöttin Ananke aussah, nach der der Name Anani in die Familie aufgenommen wurde. Die Urgroßmutter hatte ihn für ihren jüngsten Sohn ausgesucht, die Beziehung zu der Göttin muss ihr wichtig erschienen sein, damals, als die Familie noch an einer Landesgrenze wohnte und stets von Kriegen hin und her getrieben wurde. Heute war der Familie offensichtlich die Beziehung zu Großvater Anani wichtiger als zu der Göttin. Anaani wurde keine Ananke, sie hatte seinen Namen bekommen, nur die Wiederholung von »a« sollte ihn weiblicher machen. Anscheinend aber verband sie nur die Namensentscheidung mit ihrem Großvater mütterlicherseits. Wie alle in der Familie bemerkten, hatte sie zu helle Haut und zu helle Augen, um Ähnlichkeit mit ihm zu haben. Die Farben erkannte sie auf den alten schwarz-weißen Fotos nicht, die Erinnerungen an einen alten Mann ohne Farben halfen ihr auch nicht. Sie hätte gerne seine große, sensible Nase geerbt, die sogar auf dem Papier Aufregung ausstrahlte, wie die eines jungen Pferds vor dem ersten Reiten. Anaani hatte eine feine, schmale Nase, unauffällig schön.

In der Familie erzählte man sich über Anani. Der alte Mann hatte von seinem Schmerz etwas vererbt, so ergibt sich Erbe unabhängig von Willen und Testament. Wahrscheinlich war der Schmerz so groß geworden, dass er aus Ananis Körper übergelaufen und als Seele geblieben war. Nun, was Seele ist, darüber haben sich die Menschen nicht geeinigt. Eine Zelle für das Erbe, das man unfreiwillig hinterlässt? Ein Trost für die Zukunft? Eine Heimat der Sehnsucht? Anaani hatte auch einen Teil des Schmerzes geerbt, sie trug ihn in sich so wie man sein Aussehen trägt, aus Gewohnheit.
Anaani war nie an der ganzen Geschichte Ananis interessiert gewesen. Sie wollte seine Verbitterung nicht vollständig verstehen, als ob sie ansteckend wäre. Sie hatte Angst, die Vorherbestimmtheit weiter tragen zu müssen.
Anaani war längst weit weg von den Orten gezogen, in denen Anani gelebt hatte. Sie hatte es nicht mit Absicht getan. Es hatte sie getrieben, genau wie er sich hatte treiben lassen. Widerstand zu leisten kam ihr nicht in den Sinn, weil sie es nicht bemerkt hatte, und als sie es schließlich doch bemerkte, war es schon viel zu spät gewesen. Anaani mochte auch nicht auf dem Lande leben. Sie fand Feldarbeit schrecklich nach all den Schuljahren, in denen sie zum Ernteeinsatz geschickt worden war und furchtbar an Allergien gelitten hatte. Die Pfirsiche, die Erdbeeren, die Erbsen … Land verband sie immer mit unzähligen alten Körben, mit Juckreiz und dem Gefühl des Unwohlseins. Sie floh in das Lernen. Studium und exzellente Leistungen. Weg vom Land. Ins Ausland. Dort gab sie sich gerne der Vorstellung des Übernationalen hin, denn die wurde ihr abverlangt. Langsam betrachtete sie ihre Familiengeschichte mit fremden Augen und Ananis Schmerz ließ etwas nach.

Die Geschichte ließ sie nicht in Ruhe, auf dem Balkan spielten sich weitere kleine Kriege ab und in ihnen spiegelte sich alles wider. Das Geschehene und was geschehen sollte. Anaani wurde jeden Morgen durch die Nachrichten mit ihrer Herkunft konfrontiert, mit dem wackligen Gefühl des Menschen aus einer Familie mit einer Grenze als Heimat. Sie wurde auch von den Menschen um sie herum stets daran erinnert, woher sie kam, und Kundera zu lesen half ihr wenig. Sie las wieder Homer. Und dachte immer öfter an Anani. Daran, wie er Grenzenlosigkeit empfunden hätte, und den grenzenlosen Krieg.

In dieser Zeit tauchte in Anaanis Leben Michaela auf. Und obwohl das internationale Patentamt, in dem Anaani ihr Brot verdiente, sich in einer süddeutschen Stadt befand, war das ihre erste Kollegin deutscher Herkunft. Michaela war für Anaani ein überraschendes Wesen, sie machte auf sie den Eindruck eines Menschen, der es als politisch unkorrekt empfand, sich mit den eigenen Sinnen zu identifizieren. Zu sich selbst schien sie nur durch intellektuelle Überlegungen zu gelangen. Michaela hatte einen ausgewählten, bedachten Wortschatz und sagte in keiner der vielen im Patentamt benutzten Sprachen Wörter, die eine Zugehörigkeit ausdrückten. Sie schien morgens aufzustehen und zu wissen, dass man Sehsüchte nicht empfinden kann, und es schien ihr gleichgültig zu sein, wie der Boden hieß, der sie ernährte und dem sie die unnötigen Reste des Lebens wiedergab – als ob die Verbundenheit zu Erde etwas Unanständiges wäre. Einerseits fand Anaani viel Wahres darin, anderseits empfand sie es als künstlich konstruiert, sehr übersteigert.

Durch das Erscheinen Michaelas kamen in Anaani neue Emotionen hoch. Sie fühlte sich berechtigt, sich über die schlechte Qualität des verkauften Gemüses und Obstes aufzuregen, obwohl sie das meiste davon sowieso nicht vertrug. Es störte sie zunehmend, dass Leute Verpacktes zu sich nahmen, das nicht auf dem Boden sondern in Nährlösungen wuchs, und es danach ins Wasser ausschieden, das zu Kläranlagen und nicht in die Erde floss. Erde war unbedeutend geworden. Das änderte an den Allergien der Menschen von Obst und Gemüse eigentlich nichts, an ihrem von der Erde verursachten Leiden. Aber der Mensch markierte sein Revier nicht mehr mit Duftmarken und auch Zäune baute er nicht darum. Das war an sich sehr positiv, für Anaani von großem Wert. Wenn nur die Gerüche dabei nicht auch verflogen wären …

Anaani gefiel das offene Gesicht von Michaela, ihr scharfer Blick, die Sicherheit in ihrer Gehweise. Die beiden Frauen arbeiteten immer öfter zusammen, fanden sich sogar zusammen in einer Kommission über ein medizinisches Patent, beantragt auf dem Balkan. Michaela war klug und selbstbewusst, es war schön, mit ihr zu arbeiten. Anaani genoss es, mit Michaela zu reden, wahrscheinlich auch, weil sie Michaela nicht verstand. Zum Beispiel, warum Michaela sich vor dem Tier in sich schämte. Wollte sie Gott sein, vor dem sie sich auch schämte? Tier bedeutete für Anaani einfach Tier, wie ihre eigene Katze, und nicht im Sinne Freuds, schließlich benutzt man Wörter auch in anderem Sinn als Marx, Freud und Hitler, diese deutschsprachigen Männer, sie benutzt haben. Anscheinend verspürte Michaela starke Sehnsucht nach dem Cyborg in sich, der perfekt funktioniert. Sie hatte aber auch noch Sinne, also Abgrenzungen, also Verbundenheiten, also Revier, also Schutz des Reviers und dann erst Überwindung des Revierbegriffs. Manchmal erinnerte sie sich wahrscheinlich daran, denn es roch manchmal doch in ihrer Welt, manchmal bekannt, und manchmal sagte sie, mochte sie ihre eigenen Oberschenkel fühlen und Männerhände darauf. Je weniger sie sich ihre Sinne erlaubte, umso mehr hielten sie sie am Ende im Griff. Sie ahnte und merkte nicht, wie ihr ganzes Wesen sich als sinnliches, sogar rein sexuelles Angebot darstellte. Michaelas Art, ihre intellektuellen Augen halb zu schließen, ihre gelehrten Lippen aufeinander zu pressen und ihren reich entwickelten Busen unter professioneller Kleidung zu verstecken, schrie: »Nimm mich!«.

Cyborg, wie war Anaani auf das Wort gekommen? Computer, Internet, Programme –
Michaelas Welt, die Welt des Patentamts, also auch die Welt von Anaani.

Michaela war ein Profi. Sie hatte viel über Programme und unterschiedliche Programmiersprachen gelesen. Sie las viel. Sie vertiefte sich so sehr in die Programmierbücher, dass sie voll und ganz vergaß, dass es auch ohne Programme lief. Anaani verstand sich als Kreuzung von Programmen. Michaela dagegen hatte sich noch nicht gefragt, wer die Programmierer heute sind. Sie fragte nie nach Programmierern, wahrscheinlich, weil das Deuten und Analysieren der Programme einem ein so überhebliches Gefühl des Alles umfassenden Begreifens gab, dass man sich selbst für einen der Programmierer hielt. Sie markierte ihr Revier mit ihrem Namen und markierte ihren Namen mit ihrer Sprache und markierte ihre Sprache mit ihren Werten und markierte ihre Werte mit den Geschehnissen ihrer Gegend, und nannte das den »eigenen Raum«, oder »die richtige Magie«. Oder ließ ihn namenlos, oder sprach ihm das Recht ab zu existieren, wodurch er natürlich nicht verschwand.

Der Alltag im Patentamt bestand daraus, Reviere abzugrenzen und zu schützen. Anaani wusste, wovon sie sprach.
Anaani erinnerte sich an den Geschmack des Obstes sehr intensiv als er fehlte, erinnerte sich an die Erde. Wenn Michaela die Nostalgie belächelte, verstärkte sie sich bei Anaani. Das Gummiartige der Pfirsiche wiederholte sich in allen Früchten und wie bei Ananis Entscheidung gegen das Krematorium war es Anaani klar, dass sie doch die Erde bevorzugte, Erde, Boden, Juckreiz und Atemnot von Pfirsichflaum.

Michaela fragte sie einmal warum sie nach Europa gekommen sei. Das irritierte Anaani, die aus der Gegend stammte, wo der Mythos Europas entstanden war.
Für Michaela war Europa etwas anderes.
Wahrscheinlich verteidigen wir nur das, was wir nicht haben.
Die Freundschaft war wirklich weit gekommen.

Tagsüber Patentrecht in den Büroakten, abends Kriegsrecht in den Nachrichten. Anaani versank darin, verzettelte sich in den Tagen, wurde immer müder. Michaela erkannte es, machte sich Sorgen. Nachrichtenmeldungen ändern konnte sie nicht, aber sie schlug Anaani vor, Urlaub zu nehmen, bot an, sie zu vertreten. »Auf keinen Fall in die Werbewelt der Tourismuskataloge, und dazu allein«, sagte Anaani. Michaela gab sich Mühe zu verstehen.
Schließlich schlug sie ein verlängertes Wochenende bei der Familie ihrer Kinderfrau im Osten vor. So konnten sich Anaanis Tochter und Michaelas Jungen endlich kennen lernen. Sie lächelte, als sie an die Familie der Kinderfrau dachte und arrangierte alles.

Sie fuhren hin. Es war herrliches Wetter, ein wenig frisch und sehr sonnig. Das Haus war voll. Anaani hatte auf etwas Ruhe gehofft. Michaela hatte gesagt, nur die junge Frau und ihre Mutter wären da. Aber der Vater war frühzeitig von seinem Projekt im Ausland heimgekehrt, hatte Freunde mit einem Baby eingeladen; außerdem waren seine Nichten, zwei junge Mädchen im Abiturientenalter, in die Ferien gekommen, weil sie die Stadt und ihre Eltern satt hatten; ein Nachbar schaute vorbei, der dazu Naschenski sprach. So fand sich Anaani in einem überraschenden Gedränge, wofür keiner etwas konnte. Es war sogar diese Sprache da, die man nach dem Jugoslawienzerfall in den Kreisen süd-ost-slawischer Künstlern und Literaten in Westeuropa pflegte, als jeder sein bulgarisch, kroatisch, slowenisch, serbisch, mazedonisch u.s.w. redete und miteinander intensive Gespräche über Krieg, Kunst und die Welt führte. Der Nachbar hatte aber nichts mit Künstlern zu tun, er war bei seinen nach Mecklenburg-Vorpommern ausgesiedelten jugoslawischen Großeltern groß geworden und hatte dort die Sprache mitbekommen. Dann hatte er in Thüringen gearbeitet, und nach der Wende hatte er einen Bauernhof aufgebaut. Diese Sprache benutzte er kaum in der Gegend und genoss jetzt die Gelegenheit. »There is no escape, there is no solution«, musste Anaani denken, aber der Nachbar blieb nicht zu lange.

Es fand sich an diesem Freitag doch noch Platz für jeden zum Schlafen, Michaela hatte Essen bestellt, man plauderte viel, ging einsam spazieren, entzog sich ab und zu dem Trubel, und alles bekam seinen Platz, sowohl im Raum als auch mit den Gefühlen. Das Wochenende versprach schließlich doch einige Stunden Ruhe.
Anaani genoss die Felder. Es half, dass es noch winterlich war und kein Pollenflug störte. Die Erde lag da, als ob einer sie arrangiert hätte, als Dekoration, dunkelbraun, unnatürlich schön. Sie sah anders aus, als die Erde in Anaanis Erinnerungen. Diese hier war feucht und sandig, die Erde in der Erinnerung war trocken und staubig, grau.

Anaani genoss die Weite. Es muss schwierig sein in einer solchen Weite Grenzen zu setzen, dachte sie. Auf jeden Fall für den Blick.

Die Tage gestalteten sich von selbst. Die Kinder waren sofort eine Bande und natürlich die ganze Zeit weg. Sie und eine alte Katze ließen sich nur abends in der Küche blicken und sonst manchmal, um einen Apfel zu holen. Die Kinderfrau und ihre Mutter hatten wirklich viel mit dem Besuch zu tun, Michaela ließ wie immer alles andere stehen und unterhielt sich mit Laptop und Internet.

Mit Anaanis Ruhe war es bald vorbei, denn die Kinder übertrugen ihr am Samstag eine große Verantwortung. Sie hatten eine Schnecke unter der Treppe des Schuppens gefunden, als die drei dort spielten, und sie hatten diese Schnecke Anaanis Tochter geschenkt – als Zeichen ihrer ewigen Freundschaft, Liebe und Zuneigung. Dann suchten und fanden sie einen Topf mit kaputtem Boden im Sand des Schuppens, bedeckten die Schnecke mit Blättern, brachten sogar Salatblätter aus dem Kühlschrank mit, genauer gesagt, Radicchioblätter – lange waren sie darüber zornig, dass es keine echten Salatblätter im Kühlschrank gab, nur Radicchio, wo doch keiner weiß, ob die Schnecke das mag. Die Schnecke bekam auch genug Wasser und Aufmerksamkeit, natürlich, jede Menge. Als die Kinder am Abend ins Bett gingen, vertraute die Kleine ihre Schnecke der Mutter an. »Du bist jetzt so etwas wie eine Oma, Mama«, sagte sie, »und musst auf das Schneckenbaby gut aufpassen. Wir ziehen es groß« Der Topf bekam seinen Platz neben Anaanis Bett.

Dieser Aufgabe war Anaani nicht gewachsen. Sie mochte keine nackten Schnecken. Mehr: sie hasste die glitschige Spur ihres Ganges. Anaani hatte nichts gegen normale Schnecken, mit Haus und so. Die nackten ließen viel glitschigere Spuren hinter sich. Den in ihrem Häuschen versteckten Schnecken sang sie ein Lied, das sie von Anani gelernt hatte: »Ach, Du, Schnecke, komm aus Deinem Haus, es kommen auf dem Weg Armeen von Schafen und Ziegen, sie wollen uns mit ihren Hörnern stechen, zeige Dich und stich sie auch, Du mit Deinen Hörnern … « Mit nackten Schnecken konnte Anaani nichts anfangen.

Das Schneckenbaby war so klein, dass man es mit den Exkrementen einer Schnecke verwechseln konnte und versucht war es wegzuwerfen. Aber als sie sich klargemacht hatte, dass es sich um eine Babyschnecke handelte, konnte Anaani natürlich auch darauf aufpassen. Anfangs nahm sie das ganze nicht besonders ernst. Dann bekam sie Mitleid mit dem armen Wesen, das sich kein Haus zum Verstecken und zur Ruhe bauen konnte. Sie fing an, sich ernsthaft um das Baby zu kümmern. Wenn die Kinder es in ihrer Obhut ließen, fütterte sie es, brachte es mit zu ihrem Stuhl, um an Abendsdiskussionen teilzunehmen, und ans Spülbecken, um ihm während des Kochens zusehen, sie beobachtete es. Jeden Tag wurde das kleine Wesen größer und lustiger, machte mehr Unsinn, weil es weiter kriechen konnte und mehr Blätter im Topf erreichte. Das Zerbrechliche an ihm trat in den Hintergrund, man sah seine Hörner, das gestärkte Unterteil, das ihm half, sich zu bewegen. Bald würde es den Topf leicht verlassen können, dachte die Mutter, und die Kinder wurden immer aufdringlicher mit ihrer Aufforderung abends vor dem Schlafengehen, Anaani solle sehr aufpassen. Langsam forderte das Schneckengeschöpf tatsächlich viel Zeit und Aufmerksamkeit. »Er soll deinen Namen haben! Aber als Jungennamen, denn Er ist ein Junge, die Jungs haben ihn zuerst gefunden«, meinte die Tochter. Anaani widersetzte sich sofort, und heftig, weil sie diese Schnecke nicht Anani nennen wollte, nicht die Wiedergeburt des Schmerzes fühlen wollte, keinesfalls.

Die Nacktschnecke wuchs und gedieh, tastete schon nach allem, hinterließ Spuren auf den bewohnten Oberflächen der Blätter und des Topfes. Die Gewohnheit wird zur zweiten Natur – wurde mit diesem Satz Hamlets Mutter entschuldigt oder beschuldigt? – Anaani gewann die Schnecke lieb. Sie widersetzte sich nicht als ihre Tochter sich entschied, Schnecki mitzunehmen. »Schnecki von Ananke« war am Ende der Name des Babys geworden, als Jungenname für die Schnecke der Schicksalsgöttin, um einen Bezug zum Namen der Mutter zu haben. Wie es sich gehört, werden Enkel nach den Großeltern genannt, mindestens in der Tradition auf dem Balkan. Das hatte Anaani ihrer Tochter schon erzählt – sie wollte nicht alles verschwinden lassen. Und über die Göttin hatte sie auch erzählt. So kam das Nichtverschwundene und Nimmervergessene zu ihr zurück. Als sie sich am Dienstag von der Gastgeberfamilie verabschiedeten, bekam der Topf mit dem Schneckensohn Anankes seinen Platz auf dem Rücksitz im Auto und fuhr mit.
Die Kinder hatten verabredet, vor der Heimfahrt noch gemeinsam Schwimmen zu gehen, die Mütter hatten zugestimmt und so fuhr Schnecki von Ananke Richtung Schwimmbad, nichts ahnend. Der gleiche Topf, die gleichen Blätter. Im Auto machte die Kleine Pläne über ihr adoptiertes Tierbaby. Sie träumte davon, wie sie Schnecki von Ananke ins Wohnzimmer stellen und ihm gutes Essen vorlegen würde, wie sie ihn im Sommer nach Westbulgarien zur Oma bringen würde, um ihn dort frei zu lassen. Anaani lauschte zerstreut, während sie über drittklassige unbekannte Straßen hinter Michaelas Auto herfuhr, und es wurde ihr schon gruselig bei der Vorstellung, eine Nacktschnecke im Wohnzimmer zu halten. Ganz zu schweigen davon, sie anschließend im Flugzeug nach Bulgarien zu transportieren und das verkniffene Gesicht ihrer Mutter beim Entgegennehmen dieses Geschenks zu sehen. Es gab genügend Schnecken, sowohl nackte als auch andere, in den Gärten der Familie. Sie sprach ihre Unlust, sich weiter mit der Schnecke zu beschäftigen, laut aus. Sie ließ es damit nicht bewenden, sie sprach über die Einsamkeit von Schnecken, die weit von Zuhause wegfahren, sie malte aus, wie elend sich eine Nacktschnecke in einem Wohnzimmer fühlen musste, und wie unmöglich es war, eine Nacktschnecke im Flugzeug mitzunehmen – und wie unpassend. Und überhaupt: Wohin eigentlich jetzt mit der Schnecke, wenn alle schwimmen gehen? »Aber, Mama, was soll dann mit Schnecki passieren!?«, die Stimme des Kindes. Anaani sah die Wälder und Wiesen, durch die das Auto fuhr und meinte, es wäre am besten, die Schnecke hier irgendwo im Grünen frei zu lassen. Das Mädchen sah das schließlich ein, der Schneckenjunge war ja schon größer geworden und im Übrigen war es hier schön. Dann dachte sie darüber nach, wie sie sich liebevoll verabschieden würde, was sie ihm sagen würde, was für eine nette Stelle sie für ihn aussuchen würde, um ihn abzulegen … Anaani fuhr und mehrmals wollte sie anhalten, aber dann hätte sie das Auto der Freundin verloren und das Schwimmbad nicht gefunden. So landeten sie am Schwimmbad, in einem mittleren Ort, am Rande, aber doch nicht direkt bei Feldern oder Wald. Ein Hügelchen gab es nur, Schutt vielleicht vom Bau des Schwimmbades, dort wuchsen Gras und etwas Gebüsch. »Ich lasse ihn dort«, sagte die Kleine mit fester Stimme und fasste Anaani an der Hand. Anaani traute sich nicht dem Kind zu sagen, wie traurig es hier aussah – viel zu traurig, um jemanden gerade an diesem Ort freizulassen. Anaani schämte sich und schwieg.
Das weitere passierte schnell und entschlossen. Das Kind fand eine Stelle mit Gras, legte die Schnecke dorthin, sah um sich, ob es Blätter gab und sagte dem Freund »Tschüß«. Dann wurde geschwommen, gebadet, Michaela und den Jungen Tschüss gesagt und nach Hause gefahren. Im Auto hörten sie Musik und Märchenkassetten, kamen spät an. Abendbrotessen, Zähneputzen, Geschichtevorlesen, Gute-Nacht-Kuss.

Anaani saß im Wohnzimmer vor den Nachrichten als das Geschrei kam. Sie eilte ins Kinderzimmer, wo das Mädchen in Tränen aufgelöst, schluchzend, den Verrat der Mutter begriffen hatte. Und es gab keinen Trost. Nur das nasse Kissen und zwei sich umarmende, sich schuldig fühlende Körper. Anaani hat Anani verraten, das Mädchen Schnecki. »Mama, wir sollen sofort hinfahren und ihn finden, bitte. Er ist dort ohne seine Mama. Und ohne mich. Es gab da viele Autos. Oh, Mama, bitte! Er ist da ganz allein!« »Morgen, Liebes, versprochen. Versprochen!« Nachdem das Kind in Mamas Geruch geborgen eingeschlafen war, weinte die erwachsene Frau leise weiter.
Sie meinte ihr Versprechen ernst. Anaani beruhigte das Kind nicht nur. Sie hatte ernsthaft vor, früh am nächsten Tag einige Hundert Kilometer zu fahren und eine trostlose Wiese vor einem Schwimmbad in einem provinziellen Ort im Osten mitten im ländlichen Güllegestank zu durchwühlen, um nach einer kleinen Nacktschnecke zu suchen. Nach einer ganz bestimmten Schnecke. In der Hoffnung etwas wieder gutzumachen. Etwa ihr eigenes Leben. Oder die Versöhnung mit der Göttin.
 
Anaanis Tochter wurde am nächsten Morgen sehr früh wach. »Mama, was denkst Du, macht Schnecki jetzt? Kann es ihm auch gut gehen? Wahrscheinlich haben ihn andere Kinder gefunden und geben ihm Blätter. Oder er ist schon so gewachsen, dass er allein gut durchkommt. Sage mir, dass es Schnecki dort, wo er ist, gut geht. Sage mir, bitte, dass er sich da auch zu Hause fühlt.« Das Kind wollte verdrängen. Anaani war enttäuscht. Aber es war besser so. Der Tag wartete mit so vielen Pflichten.
Anaani schlug der Kleinen vor, eine Geschichte über das Erlebte zu schreiben, den Kummer auszusprechen. Sie dachte heimlich auch an die Ablenkung, die die Anstrengung und die erforderliche Zeit für das kleine Mädchen bringen würden, die notwendige Ablenkung. Anaani selbst las wieder in dem Tibetischen Buch vom Leben und vom Sterben und suggerierte sich selber, dass Schnecki von Ananke in der neuen Heimat mit dem Leben sicher klarkommen würde, besonders falls er früher Anani gewesen war. Obwohl: Warum sollte er Mensch gewesen sein? Es ergab keinen Sinn.
Die Kleine fand die Idee der Mutter gut und verewigte ihre Liebe in einige Zeilen. Diese Zeilen wurden sehr wichtig. Wenn das Mädchen an diesem Morgen wieder an die Schnecke der Ananke dachte, wurde es traurig und musste die Geschichte lesen und an Mamas Haut riechen. Dann war es wieder gut. Die Geschichte vermischte sich mit dem Geruch und wurde Trost: »Meine Freunde und ich finden eine Nacktschnecke. Wir finden sie unter einem Baum. Ich tue sie in einen Topf mit Blättern. Ich gehe am Donnerstag am 7.2. ins Schwimmbad und lasse sie da auf den Blättern frei.« Kinder tröstet man immer noch.

Anaani kam an diesem Tag viel zu spät ins Büro und zog als erstes Michaela zu sich, um ihr eine Tasse Kaffe anzubieten und die Geschichte zu erzählen. Michaela sagte: »Kinder tröstet man doch immer.« Anaani verstand schon wieder nicht. Sie musste mit Michaela darüber reden, aber erst kam die Sitzung über das Klonen.
In der Mittagspause, vielleicht.

Tzveta Sofronieva

 

lebt nach Aufenthalten an mehreren Orten der Welt als freie Autorin überwiegend in Berlin und schreibt auf Deutsch, Bulgarisch und Englisch Gedichte, Prosa und TheatertexteLiteraturinstallationen, Essays und wissenschaftliche Artikel, veröffentlicht in mehreren Sprachen, übersetzt Poesie, initiiert und entwickelt interkulturelle Netzwerke und Herausgaben.

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