Über das Glück ... 6.

Über das Glück – ach, wunderbares Wort! –
lest bei Schopenhauer nach.
Meine Analyse vergleicht Laute, ist nicht objektiv.
Es gibt viele Lücken im Glück,
auch verrückt und bedrückt stecken im luck.
Im Bulgarischen wird das Glück, schtastie, oft verschluckt,
viel sch und t, viel scht,
Schweigen ist im Glück.
Auch viel s: Angst, Steine, Stolpern, Stolz, Stelle, Stop.
Das Phänomen schtastie und sein Verschlucken im Hals
sind so angenehm zu erforschen.
Nicht der quälende Wunsch nach Glück, sondern ehrliches Stottern
taucht in den anderen Sprachen auf.
Happiness stolpert bei dem p.
Glück gluckert leise in der Kehle,
kasmet, um genau zu sein, kismet wird es richtig ausgesprochen, 
gerinnt und wird sauer bei Aufbewahrung außerhalb des Kühlschranks,
du willst es nicht schlucken und fängst an, konvulsiv zu stottern
bei dem a, entsprechend bei dem i.
Die Behältnisse zur Aufbewahrung des Glücks
sind offenbar von Bedeutung.

~

Der alte Mann, das Meer, die Frau

1.

 

Verheiratet ist er seit langem,

liebt, wie es sich gehört,

einmal in der Woche seine Frau

in einer ihrer vielen Verkörperungen,

sonst arbeitet er.

Sie wechselt ihre Haare, Nationalitäten und Jahre,

die Breite der Schenkel und der Betten.

Er bemerkt die Farbe der Bettwäsche nicht.

 

So leben er und die Frau.

 

Der einsame, verwöhnte Junge in ihm

beruhigt den alten Mann.

Und der alte Mann ohne das Meer

rudert sein Boot jede Nacht hinaus in die Weite,

dürstet nach dem Fisch.

Und jeden Morgen

schrubbt er das Boot aufs Neue.

 

Die Frau lässt ihn in Ruhe,

sie sind ja seit langem verheiratet,

wechselt Gesichter, Haare und Nationalitäten,

das Alter, den Preis der Schuhe und die Höhe ihrer Absätze,

die Farbe der Bettwäsche und der Blumen in der Vase.

 

Das ermüdet ihn manchmal.

 

Manchmal möchte er die Blumen durch ihren Duft ersetzen

und diesen durch den Jod-Geruch der Algen, 

sie aber durch den Geruch von Fisch, Blut und Meer,

durch diesen Gestank, in dem die Frau keinen Platz hat.

 

Sie richtet das Bett mit Wäsche in pompejanischem Rot.

In seinem Bett rauscht das Meer.

~

Über das Glück ... 4.

Da Freude und Genuss nicht selbstverständlich sind,
und du nur dem Schmerz absolut vertrauen kannst,
und da das Fantasieren das Alltägliche nicht zähmt,
sondern es nur mit Hoffnungen und Ängsten ansteckt,
ist es nicht genug, nur zu einer Samstagsparty zu gehen.
Geh zu einer ganzen Reihe von Partys, Theaterstücken,
Filmen, Ausstellungen, Beachvolleyball-Turnieren und
Unbedingt zum Konzert der kleinen Bengel,
der Rockgruppe der Erstklässler, Einwandererkinder,
abgerissen, zusammen mit den Enkeln von Jack Nicholson.

~

Über das Glück nach der Lektüre von Schopenhauer, in Kalifornien

Gedichte in Akzente
Heft 3. München: 2007
S. 257-269

Tzveta Sofronieva

 

lebt nach Aufenthalten an mehreren Orten der Welt als freie Autorin überwiegend in Berlin und schreibt auf Deutsch, Bulgarisch und Englisch Gedichte, Prosa und TheatertexteLiteraturinstallationen, Essays und wissenschaftliche Artikel, veröffentlicht in mehreren Sprachen, übersetzt Poesie, initiiert und entwickelt interkulturelle Netzwerke und Herausgaben.

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Die Berge, ein Mann, eine Frau

2.

Wer hat ihn beauftragt, die Berge zu durchqueren?
Niemand. Und genau das macht das Recht des Mannes aus.

Er beneidet die Ureinwohner Australiens um ihre Heiligen
Berge, die man nicht betreten, nie erobern darf.
In Europa strahlen die Berge blau und silbern, weiß und grün.
Sie haben die Geschichten von Geistern aufgegeben,  sind selten rot.
Nur der Ätna erinnert sich noch mit Glut
an Odysseus und seine Crew.

Der Mann steigt langsam hoch,
atmet tief ein und noch tiefer aus.
Er hat sich gut vorbereitet auf diese Expedition,
ein ganzes Leben lang.

Die Frau ist in Eile, sie ist auf einmal
noch immer und schon wieder jung.
Sie übersieht die Blumen am Wegesrand,
folgt den Lavaspuren, will im Magma baden, ganz oben.
Das Ende des Lebens ist ihr egal.

Eine Frau sorgt sich nie um das Ende, und wäre sie schon alt,
immer nur um den Anfang.

Der Mann geht bedächtig, sucht Steine aus,
redet kaum, wirft Schatten, wenn er auf die Sonne schaut.

Sein Schatten verschmilzt mit dem Schatten des Berges
in den Augen der Frau.
Sie hebt ihre Arme, ihn zu umarmen.
Sie werden zu Flammen.

~