erschienen in:

Scham, Konkursbuch 43

Tübingen: Konkursbuchverlag 2005

Über Scham

Scham, Scham - man, Schaman, Schowman, schau - Frau, Schamfrau, Sch-a-m-f-r-a-u, с- р - - а – м  (im Bulgarischen, kyrillischgeschrieben, und maskulin) срам [ssram], Scham. Mehr RRRR, mehr Frau in срам als in Scham. Nein, diese Wortspiele sind Unsinn. Scham hat kein Geschlecht. Scham ist ein neutrales Gefühl, das ein wenig an Schüchternheit erinnert, und an Wut, an Überraschung, an Empörung, und auf jeden Fall an Erkenntnis. Erkennen. Scham ist genau das Gefühl, das man empfindet, wenn man die Ungerechtigkeit entdeckt hat, deren Diener er aus Versehen selbst wurde; wenn jemand gerade seine eigene Andersartigkeit entdeckt. Scham ist das Ende der Naivität. Ja, die Naivität. 

 

Ich bin zehn. Am 11. September, gerade kurz vor meinem Geburtstag, haben die Junta und die Amerikaner Chile überfallen, innerhalb weniger Tagen sterben Tausende Menschen, darunter drei meiner Idole: Salvador Allende, Pablo Neruda und Victor Jara. Die Finger des Gitarristen wurden erst gebrochen. Meine erste Sozialisation durch Erschütterung. Ich bin ein von Frieden und Gerechtigkeit überzeugtes Mädchen. Ich engagiere mich in der Pionierorganisation, singe „Venceremos“, singe Jara, singe Bob Dylan, „The answer my friend is blowing in the wind“, singe alle kommunistischen Lieder dazu, kenne Nerudas Gedichte auswendig. Belohnt für das Theaterspiel, das ich in der Schule organisiert habe, bin ich weiter in den Strukturen der Pionierorganisation aufgestiegen. Ich bin ein Pioniersekretär geworden, bin auch zu einem Pioniercamp am Schwarzen Meer eingeladen, zu einem Nationalkongress der Pionierorganisation mit Gästen aus der ganzen Welt. Aufgeregt fahre ich hin, ich will die Welt verändern, ich werde Kinder aus unterschiedlichen Ländern treffen und mit ihnen für die Gerechtigkeit eintreten. 

Dieses Camp ist perfekt organisiert. Ich bin früher mit meiner Klasse in Pioniercamps gewesen: zwanzig Kinder in einem Raum, Klo irgendwo draußen, Tomatenmarkbrot mittags, Milchreis abends, den ganzen Tag organisierte Aktivitäten und Arbeit. Hier ist alles anders. Wir sind zwei bis vier in einem Raum, die Bäder sind in den Häusern, es gibt ein Menuessen mittags, um 10 und um 16 Uhr gibt es frische Pflaumenmus-Berliner und warme Mohnhörnchen. Fleisch und Fisch jeden Tag. Tee ununterbrochen. Spiele und freie Zeit den ganzen Tag lang. Alle Gruppen machen Programm mit Liedern am Abend, danach Disco. Die bulgarischen Kinder kenne ich nicht. Kaum jemand von denen hat an irgendeinem Treffen der Pioniersekretäre teilgenommen. Die meisten sind auch älter als ich. Sie amüsieren sich. Ich zerbreche mir wenig den Kopf darüber, es gibt so viel zu erleben. Spanier aus dem französischen Exil, die wild entschlossen sind zu kämpfen, um nach Hause kommen zu dürften, die Franco hassen. Mädchen aus armen Familien von Madeira, die für bessere Verhältnisse in Portugal plädieren und rote Nelken an ihren Blusen gestrickt haben. Für meine Augen farblose zerbrechlich feine Finnen, die Russland sehr mögen. Russen, die als einzige die politischen Lieder zu Ende auswendig können. Palästinenser mit arabischen Kampftüchern und Fotos von Arafat in den Taschen. Israelis mit bulgarischen Eltern. Ostdeutsche mit makellosen Uniformen und ihre lässigen Altersgenossen aus Nordrhein-Westfalen. Tschechische Märchenbewohner mit einer langsamen, vollendeten Slawischen Sprache. Österreichische Schüler der Mitglieder der Kommunistischen Partei aus Wien.. Pinocet-Flüchtlinge, die Grausames erzählen. Sogar Allendes Kinder kommen auf ihren Exilwegen vorbei. Und Nicaraguas Kondorliedsänger. Andere. 

Sind alle Pioniercamps bei Euch so reich?“, fragen mich die Chilenen. „Na ja, nicht ganz“, weiche ich aus. „Sind das Eure allerbesten Pioniere?“ „Na ja, nicht ganz“, weiche ich aus. Und schäme mich. Für die verwöhnten Söhne und Töchter der Parteioberen, für die der Koch oft aufs neue kochen muss, die kein einziges Lied über Freiheit kennen, die am meisten am Strand trödeln und Spaß haben, die schon den Zungenkuss beherrschen und modernste Modeklamotten tragen. Ich schäme mich, dass es den 11. September gab, den sich keiner von denen im Grunde genommen gemerkt hat. Sie finden es toll, dass die Kinder in Chile Coca-Cola trinken können, die es bei uns nicht gibt. Sie haben nicht erfahren, dass die chilenischen Kinder im Camp nach diesem 11. September nicht zurück nach Hause dürfen, dass sie lieber ihre Eltern lebend statt Coca-Cola gehabt hätten. 

Als ich in die Hauptstadt zurückkehre, gehe ich zu meinem Parteilehrer und frage, warum solche Kinder dahin geschickt werden. Ich frage mehrmals und aufdringlich. Daraus ergibt sich, dass ich frühzeitig, sehr frühzeitig, in den Komsomol aufgenommen werde, wegen meiner Verdienste, versteht sich, bei den Pionieren. Keiner gibt mir eine Chance, etwas dazu zu sagen. Als mir die Aufnahmeurkunde und der Orden der Pionierverdienste feierlich überreicht werden, schäme ich mich. Ich schäme mich und jeder denkt, dass ich rot vor Stolz bin. Dann komme ich nach Hause, lese Neruda wieder, seine wunderbaren Liebesverse, und verabschiede mich von dem Land meiner Kindheit.

 

Später werde ich ins Ausland gehen. 

Folgt die Flucht immer der Scham? 

Tzveta Sofronieva

 

lebt nach Aufenthalten an mehreren Orten der Welt als freie Autorin überwiegend in Berlin und schreibt auf Deutsch, Bulgarisch und Englisch Gedichte, Prosa und TheatertexteLiteraturinstallationen, Essays und wissenschaftliche Artikel, veröffentlicht in mehreren Sprachen, übersetzt Poesie, initiiert und entwickelt interkulturelle Netzwerke und Herausgaben.

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