Verbotene Worte bezeichnet ein Netzwerk literarischer und wissenschaftlicher Projekte, das sich mit dem Gedächtnis der Worte, der Macht der Erinnerung in der Sprache bei interkulturellen Begegnungen und mit der Mehrsprachigkeit auseinandersetzt. Das Netzwerk wurde von Tzveta Sofronieva initiiert, aufgebaut und konzeptionell begleitet. Beteiligt sind seit Mitte der 90er Jahre zahlreiche Autorinnen und Autoren, die das Netzwerk in Lesereihen, Symposien, Workshops, Publikationen sowie einer Anthologie weiterentwickelten.

Verbotene Worte

Alles fing für mich damit an, dass mein Gedicht über die Sprache mit dem bulgarischen Titel Heimat bei der Übersetzung auf Deutsch nicht so heißen durfte. Das war Mitte der 90er Jahre. Heimat war undenkbar. Seele und sogar ein Wort wie Großmutter stießen auf Skepsis und Ablehnung, Gott wurde ausschließlich der christlichen Religion zugeordnet; Trost, Sehnsucht, Elite, Begabung klangen suspekt. Worte, die Übersetzungen aus dem Englischen oder Spanischen im Deutschen oft larmoyant und aus den osteuropäischen Sprachen pathetisch klingen ließen: Sie waren nicht nur durch die Nazi-Zeit belastet, sondern auch durch die Ideologisierung des politischen Lebens in den späteren 60er Jahren und des folgenden »Anything Goes« der 80er Jahre. Dass man bestimmte Wörter hier nicht benutzen wollte, dass es Worte gab, die in der deutschen Literatur schwer vorstellbar, »verboten« waren, hat mich dazu gebracht, auch über die Belastungen der Worte im Bulgarischen und in anderen Sprachen nachzudenken. Ich nahm intensiver wahr, wie allergisch ich reagierte, wenn man im Bulgarischen Zukunft, Wahl, frei, Arbeit, Erwartung sagte. Die Zeit unter einem totalitären Regime hat ihre Spuren auch in der Sprache meiner Kindheit hinterlassen, hat Worte in ihr missbraucht.

In vielen Ländern wendet sich heute die Literatur von bestimmten Begriffen ab, die sie gerne den vergangenen Epochen überlassen will. Der Sprachgebrauch wird gegenwärtig auch durch die Auseinandersetzung über »Political Correctness« geprägt. In der Globalisierung wird die unterschiedliche historische und kulturelle Aufgeladenheit der Worte einerseits verwischt, anderseits neu thematisiert. Das Gespräch über die Art und Weise unserer Gespräche, wie wir uns sprachlich begegnen und welche Rolle unsere eigenen Narrative dabei spielen, gewinnt an Bedeutung. Denn was und wie wir benennen oder nicht benennen, hat mit unserer jeweiligen Geschichte zu tun. Interessant wird dabei v.a., wann in einer Sprache Grenzen gesetzt oder freigegeben werden. Und: Was passiert beim Zusammentreffen der sprachlichen Bilder in der Mehrsprachigkeit?

Zunehmend intensiver fing ich damals an, meinen Kolleginnen und Kollegen Fragen zu stellen und meine Sprache(n) in Frage zu stellen. Eine Diskussion um »verbotene Worte« entstand. Erst waren es Freundinnen und Freunde, die sich leidenschaftlich austauschten. Die Texte und Gespräche aus dem deutschsprachigen und osteuropäischen Raum waren sehr kontrovers. Wir haben gespürt, wie fließend die Grenze zwischen Nicht-Verstehen-Können und Nicht-Verstehen-Wollen, zwischen Unsicherheit und Arroganz sein kann. Wir wollten keine Worte »heilen« oder »frei lassen«, sondern unterhielten uns über das Wort als kulturelle Kluft und über die (Un)Möglichkeit, Brücken zu bauen – über die gemeinsame Entmythologisierung der Geschichte, wenn Vergangenheit zu Geschichten, zu Literatur wird.


Später bat ich einen größeren Kreis von Kolleginnen und Kollegen aus mehreren Ländern, Texte über alten Missbrauch und neue Tabus in ihrer Sprache zu schreiben, über die nicht-geteilten Erfahrungen mit Wörtern, mit ihren Veränderungen – bspw. auch durch die Begegnungen verschiedener Sprachen. Denn erst im Kontrast der Kulturen werden die Erinnerungsspuren der Wörter erkennbar, werden Belastungen und Tabus auffällig. Sie sind immer eine Herausforderung: Sollen sie als Grenze bewahrt oder innovativ gebrochen werden? Literarisch noch interessanter ist das kulturbedingte Schweigen. Spannend das Fein-Gewebte, das schwer zu messen und zu fragil zum Fixieren ist, das Ungeteilte, das wir und unsere Gegenüber unbewusst in ein Gespräch hineintragen.

Eine erste Fassung von in diesem Gespräch entstandenen Texten wurde 2000 zusammengestellt. Mehrere Institutionen boten in den folgenden Jahren die Möglichkeit zur Diskussion mit dem Publikum in vielen Städten Europas an. Einige Texte veränderten sich mit den daraus entspringenden Auseinandersetzungen und der gewonnenen Offenheit. Weitere Texte entstanden. KulturwissenschaftlerInnen trugen Gedanken über Tabus, Stereotype, Migration, interkulturelle Kommunikation und Literatur bei. PolitikerInnen mischten sich ein, provoziert durch BibliothekarInnen. ÜbersetzerInnen unterstützten die Bemühungen. Neue AutorInnen kamen hinzu, einige waren angeregt, neue Texte dazu zu schreiben, andere fanden in ihrer bisherigen Arbeit Auszüge, die in die Gespräche hineinflossen. In weiteren Phasen ergänzten sich die Auseinandersetzungen um interkulturelle Themen verbunden mit der Mehrsprachigkeit und der Exophonie, mit der Globalisierung von Wissen und den Grundvoraussetzungen des interkulturellen Dialogs. Die Anfangsgespräche über die sprachlichen Unterschiede zwischen dem Osten und dem Westen Europas, die Verwirrungen wegen belasteter Wörter in der Akademie Schloss Solitude, die Veranstaltungen über die Macht der Sprache und die Worte als Kluft oder Brücke am Goethe Institut Sofia, das Projekt Verbotene Worte in Wetzlar, die »andere (w)orte« Lesungen in Budapest und Wien, die Anregungen des All Mixed Up Symposiums exophonischer Autoren in der Villa Aurora in Los Angeles und im LCB Berlin, die Diskussionen über die Mehrsprachigkeit und das Gedächtnis der Sprache im Rahmen des europäischen Programms Literature Across Frontiers in Berlin und Paris, und viele andere Stationen trugen zu immer mehr persönlichen und literarischen Begegnungen bei. Diese Begegnungen waren es, die die Textsammlungen ermöglichten.

Etliche Publikationen entstanden, u.a. die Veröffentlichungen im Band Sprachbuch (Ernst Klett Sprachen Verlag, Stuttgart 2003), die Anthologie Verbotene Worte (Biblion, München, 2005), die andere (w)orte Präsentation im Lettre International Budapest 2005, die dreisprachige, doppelte Ausgabe Forbidden/Forbidding Words der Europäischen Netz-Revue zum Buch und Schreiben, transcript review 2007 und weitere, zuletzt die Sammlung bei Kakanien revisited. Sie unterscheidet sich dadurch, dass sie auf all diese Publikationen Bezug nimmt, zukünftige mit einbezieht und dass sie die Möglichkeit bietet, direkt ergänzt zu werden. Die Beiträge sind in drei Themenkomplexen zugeordnet, um ihrer thematischen und formalen Vielfalt Rechnung zu tragen und ihre inneren Verknüpfungsmöglichkeiten hervorzuheben: (Ohn)Macht der Sprache, Grenzgänge und Sprach(verun)sicherung.

Tzveta Sofronieva

 

lebt nach Aufenthalten an mehreren Orten der Welt als freie Autorin überwiegend in Berlin und schreibt auf Deutsch, Bulgarisch und Englisch Gedichte, Prosa und TheatertexteLiteraturinstallationen, Essays und wissenschaftliche Artikel, veröffentlicht in mehreren Sprachen, übersetzt Poesie, initiiert und entwickelt interkulturelle Netzwerke und Herausgaben.

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